Elektrofliegen ist gerade 50 % günstiger geworden: Die ersten „gebrauchten“ sind auf dem Markt

Die Elektrifizierung der Luftfahrt hat einen neuen Meilenstein erreicht: E-Fliegen bekommt einen Gebrauchtmarkt! Zum ersten Mal kommen gebrauchte, voll zertifizierte Elektroflugzeuge auf den Markt – und das zu Preisen, die rund 50 Prozent unter dem Neupreis liegen. Die Rede ist von der Pipistrel Velis Electro, dem ersten EASA-zugelassenen Elektroflugzeug der Welt.

Was vor fünf Jahren mit dem weltweit ersten zertifizierten E-Flugzeug in der Schweiz begann, ist heute ein verbreitetes Schulflugzeug mit über 120 weltweit ausgelieferten Maschinen, tausenden Flugstunden und konkreten Erfahrungen im Schulungsbetrieb. 

Selbst Richard Hammond und James May, die Petrol Heads bekannt aus Top Gear, haben bereits ein Rennen mit der Velis geflogen (2,1 Mio. Views, Stand 07/2025).

Fünf Jahre nach Markteintritt zeigt sich ein Effekt, den wir aus der Automobilindustrie bereits gut kennen: der Osborne-Effekt – mit weitreichenden Folgen.

Der Osborne-Effekt und was er mit Elektroflugzeugen zu tun hat 

In den 1970er-Jahren kündigte der Computerhersteller Osborne eine neue, überlegene Modellreihe an, bevor diese auf dem Markt war. Die Folge: Niemand wollte mehr das aktuelle Modell kaufen, der Absatz brach ein, das Unternehmen ging in die Knie. Seither beschreibt der Begriff Osborne-Effekt das Phänomen, dass die Erwartung eines besseren Produkts das bestehende entwertet.

In der Elektromobilität lässt sich dieser Effekt seit Jahren beobachten: Reichweiten steigen, Ladezeiten sinken, Preise fallen. Wer kann, wartet auf die nächste Generation. Und drückt damit ungewollt die Preise der aktuellen Modelle. Im Detail hier analysiert.

12. September 2020 – Electrifly-In 2020

Bei der Velis Electro ist dieser Mechanismus klar erkennbar:

  • Die Velis ist heute verfügbar, zertifiziert und fliegt im Regelbetrieb.
  • Andere, größere und leistungsfähigere E-Flugzeuge sind angekündigt, aber noch nicht lieferbar.
  • Flugschulen und Investoren fragen sich: Jetzt kaufen oder noch warten?

Genau hier wird der Gebrauchtmarkt interessant:

  • Gebrauchte Velis mit neuer Batterie und guter Wartung sind technisch nahezu gleichwertig, aber deutlich günstiger.
  • Der Preisverfall macht sie wirtschaftlich interessant – besonders für Vereine und Schulen mit begrenztem Budget.

Hersteller neuer E-Flugzeuge müssen schnell liefern, um den First-Mover-Vorteil nicht an die Velis zu verlieren. Denn je länger der Gap zwischen Ankündigung und Auslieferung dauert, desto größer wird der Einfluss des Osborne-Effekts.

Der Markt wird sich polarisieren. Anbieter mit flugfertigen, zertifizierten Modellen profitieren sofort. Andere hängen zwischen Ankündigung und Auslieferung – mit dem Risiko, vom Osborne-Effekt selbst ausgebremst zu werden.

Warum das für Flugschulen und Pilot:innen entscheidend ist 

Bislang rechnete sich ein E-Flugzeug für viele Schulen erst ab mehreren hundert Stunden Flugzeit pro Jahr. Mit gebrauchten Velis für unter 100.000 Euro verschiebt sich diese Schwelle deutlich. Auch private Pilot:innen profitieren, etwa für den günstigen PPL-Erhalt.

11. September 2020 – Electrifly-In 2020

Beispielrechnung: Bei einem Stromverbrauch von etwa 20 kWh/h liegen die Energiekosten bei rund 8 Euro pro Stunde. In Kombination mit minimalem Wartungsaufwand ergibt sich ein äußerst attraktives Betriebskostenprofil.

Von der Nische zum Standard? 

War ein Tesla Model S 2013 noch ein technisches Statement, ist ein Model 3 heute Mainstream. Die Logik des Marktes greift auch in der Luftfahrt:

  • Je mehr Velis fliegen, desto eher investieren Flugplätze in Ladeinfrastruktur.
  • Je größer das e-Pilot:innen-Netzwerk, desto schneller fallen die Einstiegshürden.
  • Je leiser der Betrieb, desto größer der gesellschaftliche Rückenwind.

Mit den nun am Markt verfügbaren ersten Gebrauchten e-Flugzeugen wird sich der Trend beschleunigen: Elektrofliegen ist im Jahre 2025 ein echtes Geschäftsmodell geworden. 

Die Velis Electro ist längst kein Einzelstück mehr. Sie war Teil zahlreicher Rekord-Projekte, etwa dem Elektro-Weltrekord-Flug von den Alpen bis an die Nordsee, der e-Flight Challenge (dem Wettrennen zwischen e-Flugzeug und e-Auto), und des eFORCE-Projekts (weltweit erste Airshow mit e-Flugzeugen).

Die Flugzeuge haben weltweit Stunden gesammelt – unter realen Bedingungen, mit echten Flugschülern und im täglichen Betrieb. Die Lernkurve war anfangs steil, aber inzwischen sind die Kinderkrankheiten geheilt, Lösungen (zum Beispiel für den Winter-Betrieb) etabliert.

Jetzt kommt das, was in der Technologiegeschichte oft den Durchbruch markiert: Ein Sekundärmarkt entsteht. Damit wird Elektrofliegen nicht nur technologisch, sondern auch wirtschaftlich zugänglich.

Fazit 

Die Elektrifizierung der Luftfahrt steht heute da, wo wir vor 10 Jahren mit den e-Autos waren. 

Der Markt folgt Mechanismen, nicht Ideologien. Elektroflugzeuge wie die Velis durchlaufen denselben Zyklus wie E-Autos: hoher Einstiegspreis, Frühnutzer, Erfahrung, Preissenkung, Sekundärmarkt. In der Luftfahrt ist der Wandel langsamer – aber nicht aufzuhalten.

Der nächste Meilenstein, vergleichbar mit Teslas „Model 3 Moment“, wird kommen, sobald Batterien mit 400-500 Wh/kg verfügbar sind. Dann wird das elektrische Sportflugzeug nicht nur gleichwertig, sondern besser und günstiger als sein fossiles Pendant.

Die ersten gebrauchten Velis sind dabei ein dieser Wendepunkt. Sie machen E-Fliegen bezahlbar und bringen uns der emissionsfreien Luftfahrt einen großen Schritt näher. Elektrisch in die Ferien werden wir auch in den nächsten Jahren nicht fliegen, aber die Elektrifizierung der Luftfahrt hat bei kleinen und leichten Flugzeugen schon begonnen. Und genauso wie wir heute e-LKWs auf den Straßen sehen, werden in den nächsten Jahren auch etwas größere Flugzeuge elektrisch fliegen.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur nachhaltigen Luftfahrt gemacht. E-Fliegen wird günstiger und damit für eine größere Zielgruppe zugänglich.

Weitere Quellen

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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