Der Beginn vom Ende für öffentliche Verkehrsmittel ist gekommen

Sind selbstfahrende Fahrzeuge einfach und günstig verfügbar und komfortabel, dann wird man sich nicht mehr die Mühe machen, auf die Straßenbahn oder selbst für Städteverbindungen noch auf die Eisenbahn umzusteigen. Warum soll man noch mit Gepäck durch den Bahnhof laufen um seinen Zug und Sitzplatz zu finden, oder die dunklen Treppen hinab zur U-Bahn, wenn man bereits im selbstfahrenden elektrischen Uber sitzt?

Eisenbahnen und öffentliche Verkehrsmittel erhalten Konkurrenz von mehreren Seiten: Autonome Lastwagen benötigen keine Verladung auf die Schiene mehr. Bei Städteverbindungen durch Fernbusse wird keine Eisenbahn benötigt. Und es verwundert ohnehin, warum es heute noch Fahrer für U-Bahnen gibt. U-Bahnen könnten nämlich bereits heute fahrerlos unterwegs sein. Wenn es eine Alternative gibt zum Rauf und Runter in die Stationen, dann bieten selbstfahrende Ubers nicht nur Frauen ein erhöhtes Sicherheitsgefühl.

Auch wirtschaftlich macht es Sinn von öffentlichen Verkehrsmitteln los zukommen. Es ist extrem teuer eine U-Bahn zu bauen. In den USA sind gerade mal zwei neue Linien im Bau begriffen, nämlich in New York City und in San Francisco.

Die ersten kleineren Gemeinden beginnen ihre Planung bereits mit autonomen Fahrzeugen im Hinterkopf. Das in Florida gelegene Babcock Ranch hat einen neu geplanten Vorort nicht nur mit umweltverträglicher Energieversorgung konstruiert, sondern als Nahverkehrssystem die Verwendung autonomer Minibusse und Fahrzeuge eingeplant, und vor allem auch alle notwendige Infrastruktur in ergehbarer Distanz zu den Wohneinheiten angelegt. Damit ändert sich auch, wie Häuser gebaut werden: ohne Garage oder vorgeschriebenem Parkraum auf der Straße.

Die Verkehrsplaner der von Autoverkehr besonders geplagten Stadt Los Angeles haben die Planung von neuen öffentlichen Verkehrsmitteln mehr oder weniger aufgegeben. Obwohl die Stadt noch in den 1920er Jahren über ein reichliches Straßenbahnnetzwerk verfügte, so wurde dieses – wie im Film Falsches Spiel mit Roger Rabbit kurz thematisiert – von der Automobilindustrie finanzierten Scheinfirmen aufgekauft und dicht gemacht. Wer einmal erlebt hat, wie man auf einer der achtspurigen Highways nur im Schritttempo vorwärts kommt, weiß, dass diese Stadt ein gewaltiges Verkehrsproblem hat.

Straßenbahnwaggons am Schrottplatz
Pacific Electric Straßenbahnwaggons warten darauf verschrottet zu werden. Am Schrottplatz auf Terminal Island, Kalifornien, 1956

Los Angeles hat sich deshalb entschlossen, öffentliche Verkehrsmittel nach Jahren der Vernachlässigung einfach zu überspringen und stattdessen gleich auf autonome Fahrzeuge zu setzen. Der US-Bundesstaat Wisconsin, der versucht Ausgaben zu senken, denkt bereits daran, Investitionen in Straßeninfrastruktur zu reduzieren. Autonome Autos verheißen für Regierungen und Verwaltungen Einsparungen bei teurer Verkehrsinfrastruktur. Alleine das könnte Motivation genug für Verwaltungen sein, sowohl die Zulassung von selbstfahrenden Autos als auch das Verbot von manuellen Autos zu beschleunigen. Wir stehen hier vor der einmaligen Situation, wo Regierungen sich rascher an neue Technologien anpassen werden, als die Menschen selbst es wollen.

Öffentliche Verkehrsmittel im städtischen Bereich deutschsprachiger Länder sind oft sehr gut ausgebaut. Auch wenn es den Bewohnern nicht so vorkommt und gerne Grund zum Meckern liefern, so sind sie hierzulande zuverlässig, sauber, pünktlich und schnell. Vor allem die Schweizer und Japaner übertreffen sich in Pünktlichkeit und Vorhersagbarkeit. Über Intervalldichte und Gehwege zum nächsten Verkehrsmittel lässt sich immer streiten. Diese werden aber zumeist als zumutbar angesehen. Das ändert sich drastisch für diejenigen, die schon mal einen Fahrdienstleister wie Uber verwendet haben. In San Francisco beispielsweise, wo die öffentlichen Verkehrsmittel veraltet und unzuverlässig sind, hat Uber in den meisten Teilen der Stadt Wartezeiten um die ein bis drei Minuten – und das an der Stelle, wo man das Uber bestellt hat, und nicht an einer Station zu der man erst gehen muss.

Damit entfällt die Notwendigkeit Straßen zu überqueren um zu Straßenbahnstation zu gelangen. Oder mit Rolltreppen, Liften oder Stiegen in die dunklen Schächte der U-Bahn hinabzugleiten. Vor allem Frauen sind treue Kunden von Uber. Die digitale Spur, die Uber hinterläßt, wird von Frauen als Schutz für sie erkannt.

Selbstfahrende elektrische Ubers erfordern eine Neubewertung von Zweck und Leistung öffentlicher Verkehrsmittel. Im Gegensatz zu Bussen und Schienenfahrzeugen sind autonome Fahrtendienstleister nicht an fixe Strecken gebunden. Dank digitaler Technologie können Wartezeiten auf die Fahrzeuge optimiert werden und müssen keinem Fahrplan folgen. Können diese Versprechungen eingehalten werden, dann ändern sich die Anforderungen an Zweck und Nutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln. Für diese reservierte Spuren und Trassen, sowie bereitgestellte Infrastruktur wird zu hinterfragen sein. Selbst deren Ausbau und Erhalt wird in Frage gestellt.

Die Verwalter von Charlotte, eine Stadt mit 800.000 Einwohner im amerikanischen Bundesstaat North Carolina, kratzt sich gerade den Kopf und wundert sich, ob sie überhaupt noch sechs Milliarden Dollar für den geplanten Ausbau neuer Tramway- und Schnellbahnstrecken ausgeben soll. Diese werden frühestens 2025 in Betrieb gehen, aber da könnten sie bereits veraltet und durch selbstfahrende Autos ersetzt worden sein. Los Angeles hat sich diese Frage bereits mit nein selbst beantwortet und wartet auf die Ankunft der selbstfahrenden elektrischen Ubers um das lokale Verkehrsproblem zu lösen.

Auch Stadtverwaltungen bei uns sollten beginnen, autonomen Fahrzeugen in die Planung von Verkehrsinfrastruktur und öffentlichen Verkehrsmitteln zu berücksichtigen. Es kann bereits heute davon ausgegangen werden, dass Projekte mit einem Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren durch autonome Autos abgelöst werden. Und das wird einen dramatischen Paradigmenwechsel bei heutigen Stadt- und Verkehrsplanern hervorrufen.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

9 Comments

    1. Ja, wenn man berücksichtigt, dass man mit autonomen Fahrzeugen gerade mal zwischen 10 und 30 Prozent des heutigen Fahrzeugbestands braucht und trotzdem den gesamten Verkehr abdecken kann. Und so nebenbei alle Parkplätze freikriegt etc.

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      1. Ist das wirklich so? Der Platzbedarf eines individuellen Verkehrsmittels ist doch viel größer als ein Sitz im Bus oder der Straßenbahn. Alle wollen zudem zur gleichen Zeit in die Stadt und wieder hinaus. Wie kommt man diesen Nachfragespitzen nach?

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    2. In den großen Casinos in Las Vegas (Nevada), wo es keinen ÖPNV gibt, muss man mühelos 20 Minuten einplanen, die man in der Lobby in der Schlange steht, um in ein Taxi einzusteigen. Nicht, weil keine Taxis da wären, sondern weil Taxis einfach nicht schnell genug beladen werden können. Einzeln herumfahrende Autos können nunmal keine Massentransportmittel ersetzen, nur indem sie selbstfahrend werden.

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      1. Komisch, in Las Vegas musste ich maximal 2-3 Minuten auf ein Taxi warten. Zudem bieten die großen Casinos einen Shuttle-Transfer kostenlos, der alle 20-30 Minuten stattfindet. Also mal wieder ein Öko-Idealist, der hier Lügen verbreitet!

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      2. Dann waren Sie wohl nicht an einem Wochenende in Las Vegas, oder Sie waren nicht in einem großen Casino.
        Und warum bieten die Casinos wohl Shuttle-Busse an? Weil sie auch wissen, dass einzeln herumfahrende Autos (ob mit oder ohne Fahrer) nicht ausreichen, um Massen zu transportieren. Das war ja genau mein Punkt.

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