Die beiden wichtigsten Motivationsfaktoren der Leute hinter der Entwicklung von autonomen Fahrzeugen sind einerseits der Komfort – ich muss meine Zeit nicht mehr mit dem Steuern des Fahrzeugs verschwenden – und andererseits der Sicherheitsaspekt.
Unter letzterem werden die nach wie vor viel zu hohen Verkehrsunfallzahlen verstanden. Weltweit sterben pro Jahr um die eine Million Menschen im Straßenverkehr, zwischen zehn und vierzehn Millionen werden verletzt. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm, auch der gesellschaftliche ist nicht zu verachten. Wenn der Vater, die Mutter oder das Kind sterben wurde hier ein Leben zerstört, das nicht mehr geführt werden kann.
Doch noch ein weiterer Aspekt kommt hinzu, der gerne übersehen wird, speziell von der männlichen Hälfte der Bevölkerung. Wenn ein Mann ein öffentliches Verkehrsmittel besteigt, denkt dieser nicht viel. Eine Frau hingegen, speziell wenn es draußen schon dunkler ist, geht eine mentale Checkliste durch. Denn Gefahren können überall lauern. Ist die Haltestelle, an der ich warte, beleuchtet und gut einsehbar? Sind dort viele Menschen oder bin ich dort alleine. Wie viele Passagiere sitzen im Bus? Sind das nur Männer? Gibt es Plätze vorne beim Fahrer oder der Fahrerin? Ist der Bus gut ausgeleuchtet? Gibt es drinnen Kameras? Befinden sich Betrunkene oder eventuell gewaltbereite Männer im Fahrzeug?
Ähnliche Gedanken gehen Frauen durch, wenn sie in ein Taxi oder Uber steigen. Ist der Fahrer ein Mann oder eine Frau? Habe ich ein Foto gemacht vom Kennzeichen, dass ich noch zu Fahrbeginn an Freunde schicke? Will der männliche Taxifahrer mit mir unbedingt reden? Bringt er die Themen auf private oder anzügliche Themen? Mist, er weiß ja nun wo ich wohne!
Genau diese Gedankengänge hat Deeksha Anand, Marketing Managerin bei Google, in einem LinkedIn-Post dargelegt, als sie über ihre erste Erfahrung mit einem Robotaxi in San Francisco berichtete. Ich fand diese Herangehensweise und Denke zu Robotaxis so interessant, dass ich sie hier Euch nicht vorenthalten will:
23:20 Uhr, ich stehe allein an einer Straßenecke in San Francisco und warte auf meine Mitfahrgelegenheit. Als Frau in einer mir unbekannten Stadt hatte ich dieses vertraute Gefühl im Magen – Sie wissen schon, das Gefühl.
Dann hielt mein Waymo an.
Kein Fahrer, um den man sich sorgen müsste.
Kein peinlicher Smalltalk.
Keine Frage, ob diese Person sicher ist.
Nur ich, das Auto und die vollständige Kontrolle über meine Reise.Was als Neugier auf autonome Fahrzeuge begann, entwickelte sich zu einer eindrucksvollen Go-to-Market-Lektion über die Lösung von Problemen, von denen die Kunden noch gar nicht wussten, dass sie sie brauchen.
Was Waymo gemeistert hat (über das selbstfahrende Auto hinaus)
1) Sie haben den unausgesprochenen Markt erkannt: Bei nächtlichen Fahrten für Frauen geht es nicht nur um Transport, sondern vor allem um Sicherheit und Seelenfrieden.
Waymo hat versehentlich die sicherste Mitfahrgelegenheit geschaffen, ohne sie überhaupt so zu vermarkten.2) Sie haben menschliche Variablen vollständig entfernt: Keine Fahrerbewertungen, die überprüft werden müssen, keine Nummernschilder, die per Screenshot an Freunde geschickt werden müssen, keine persönlichen Konflikte.
Der größte Risikofaktor bei Mitfahrgelegenheiten? Eliminiert.
Das schafft Vertrauen auf einer völlig neuen Ebene.3) Sie haben dafür gesorgt, dass sich das Erlebnis persönlich und nicht roboterhaft anfühlt:
Sie können Ihr Spotify anschließen, die Temperatur regeln und Ihre Route wählen.
Für diese 15 Minuten gehört der Wagen Ihnen und nicht jemand anderem, den Sie ausleihen. Dieser Besitz fördert den Komfort.4) Sie haben durchdachte Details eingebaut:
Die Erinnerung „Vergessen Sie Ihre Sachen nicht“ trifft einen um Mitternacht, wenn man müde ist.
Kleine Aufmerksamkeiten, die zeigen, dass sie das Verhalten und die Empathie der Nutzer verstehen.Sie haben eine technische Demonstration in emotionale Sicherheit verwandelt: Hier geht es nicht nur um autonomes Fahren, sondern darum, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen wirklich sicher fühlen.
Das ist ein riesiger, unterversorgter Markt, den die Technologie in einzigartiger Weise ansprechen kann.Die Kernerkenntnis:
Manchmal ist das stärkste Wertversprechen nicht die Funktion, die man gebaut hat – es ist das Problem, das man zufällig gelöst hat. Waymo hat selbstfahrende Autos gebaut, aber sie haben etwas viel Wertvolleres geliefert: Seelenfrieden.Diese Erfahrung hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass wahre Innovation oft darin liegt, die subtilen, nicht artikulierten Bedürfnisse der Zielgruppe zu verstehen.
Genau dieselbe Denke übersehen wir oft, wenn vom ÖPNV sprechen. Nicht zu allen Tages- und Nachtzeiten, oder an allen Tagen und in allen Gegenden ist der ÖPNV sicher, sauber und zuverlässig. Oft wird die Debatte zu ÖPNV und anderen Formen der Mobilität recht einseitig nur von der umweltverträglichen Seite geführt. Autos Pfui, ÖPNV Hui!
Hier ist eine andere Meldung einer weiblichen Benutzerin, die ihre Gefühle und Vorgehensweise beschreibt:
Ich bin schon oft mit Waymo gefahren … aber letzte Nacht war es anders.
Ich war spät auf dem Weg nach Hause und entschied mich für Waymo statt Uber. Ich hätte nicht erwartet, dass es sich so grundlegend anders anfühlen würde, im besten Sinne.
Wir reden endlos über die Auswirkungen von KI auf Arbeitsplätze, Produktivität, Gesellschaft … aber es gibt einen Aspekt, der meiner Meinung nach nicht ausreichend diskutiert wird oder manchmal sogar falsch dargestellt wird: Sicherheit.
Als junge Frau war es für mich immer ein kalkuliertes Risiko, nachts alleine nach Hause zu gehen. Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht. Ich habe Gewohnheiten entwickelt: Ich tat so, als würde ich telefonieren, hatte Pfefferspray dabei, teilte meinen Standort mit und blieb auch dann „wachsam“, wenn ich erschöpft war. Gestern Abend habe ich zum ersten Mal überhaupt nichts davon getan.
Ich saß, wie ich wollte. Schaute aus dem Fenster. Hielt mein Handy nicht wie eine Requisite fest. Ich habe mich auf der Heimfahrt tatsächlich entspannt.
Und da wurde mir klar: Das ist eine Form von Freiheit, über die wir nicht genug sprechen. KI gibt uns Raum, uns sicher zu fühlen. Uns zu entspannen. Ohne Angst zu leben. Ich fand es toll. Hat noch jemand diese Veränderung erlebt?
Hier ein Beitrag von Laurel Ciprian, ebenfalls auf LinkedIn:
Ich bin heute mit einem Waymo vom Flughafen Phoenix abgefahren und habe mich selbst auf dem Beifahrersitz gefilmt.
Nicht, weil die Technologie cool ist – obwohl sie das ist.
Sondern weil ich festhalten wollte, wie ich aussah, als ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit in einem fremden Auto wirklich sicher fühlte.
Erinnert ihr euch an die ganze Diskussion um „Frauen wählen den Bären“? Dieser Instinkt ist real und zeigt sich jedes Mal, wenn ich in ein Mitfahrtaxi steige. Die schnelle Abwägung. Das Überprüfen der Türschlösser. Die Entscheidung, ob ich einen Telefonanruf vortäuschen soll. Ich habe mit vielen anderen Frauen gesprochen und weiß, dass ich nicht allein bin.
Nimmt man den unbekannten Menschen weg, verändert sich etwas. Wenn eine Fahrt mit einem selbstfahrenden Auto eine Option ist, werden wir sie nutzen.
Ubers eigene Daten belegen Tausende von Beschwerden über sexuelle Übergriffe auf ihrer Plattform. Das ist keine Paranoia. Es ist Mustererkennung, die Frauen automatisch, ständig und bis zur Erschöpfung betreiben. Als überaus wachsame Person habe ich es satt, das zu tun.
Im Waymo musste ich nichts davon tun. Ich saß einfach nur da. Entspannt. Und sah zu, wie die Stadt vorbeizog. Es gab ein paar Situationen, in denen „wir“ in knifflige Situationen gerieten (Kinder auf Rollern, Linksabbiegen auf stark befahrene Straßen). Ich weiß, dass es nicht perfekt ist, aber heute hat Waymo jede Situation sorgfältig gemeistert.
Als technologiebefürwortende, menschenorientierte CIO, die eine KI-Strategie für eine Organisation entwickelt, verbringe ich viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wo KI echten menschlichen Mehrwert schafft und wo sie lediglich Effizienz für Menschen schafft, die ohnehin schon reichlich davon haben. Der heutige Tag hat mir eindringlich vor Augen geführt, dass das Bedeutendste, was eine Technologie leisten kann, manchmal darin besteht, still und leise eine Gefahrenquelle zu beseitigen, über die die meisten Menschen gar nicht erst nachdenken mussten.
Frauen nehmen das wahr. Und wir werden uns daran erinnern, welche Technologien uns gesehen haben.
Tatsächlich gibt es eine große Zahl von Personen, bei denen dieser Aspekt nicht im Vordergrund steht. Nicht, weil sie Klimawandelleugner sind oder ihnen die Umwelt egal ist. Es handelt sich um Frauen, die sich in bestimmten Momenten (in der Nacht, mit wenigen Leuten auf der Straße, zwielichtigen Personen in der Nähe…) sich einfach unsicher fühlen. Es handelt sich aber auch um Menschen, die körperlich nicht fähig sind, die Strecke zwischen Haltestelle und Wohnort ohne Mühe zurückzulegen.
Diese Faktoren müssen in einer solchen Debatte berücksichtigt werden, und Deekshas Post gibt hier einen Einblick, welche Aspekte oft unter den Tisch fallen. Und wie neue Technologien hier unerwartet Lösungen anbieten.
Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.
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