Vor ein paar Tagen war der Sicherheitschef von Waymo, Mauricio Peña, zu einer Anhörung vor dem US Kongress geladen, und wurde über einerseits über die Herkunft der Fahrzeugplattformen selbst befragt, und wie genau die Hilfestellung aus der Ferne bei Waymos funktioniert.
Dabei sagte Peña, dass Waymo Fernassistenten verwendet, die sowohl in den USA wie auch in andern Ländern wie den Philippinen sitzen. Diese Aussage wurde von der Öffentlichkeit so interpretiert, dass Waymos von menschlichen Fahrern aus der Ferne gesteuert werden. Nichts könnte falscher sein.
Zuerst einmal muss zwischen Teleoperation und Teleassistenz unterschieden werden. Während die Waymo Robotaxis vollständig autonom unterwegs sind, gibt es doch immer wieder Situationen, die unklar oder vollständig neu sind und trotz mittlerweile 200 Millionen fahrerlos gefahrenen Kilometern die Waymo so bislang nicht gesehen haben. Hier als Beispiel ein gebrochener Hydrant, der eine Wasserfontäne in die Höhe spritzt, und bei der das Waymo zögert.
In solch einer Situation muss ein Mensch Hilfestellung leisten, doch das Wie macht den Unterschied aus. Dabei gibt es zwei Konzepte: TeleOperation und TeleAssisstenz/TeleGuidance.
TeleOperation
Bei der TeleOperation sitzen in einer Betriebszentrale menschliche Operatoren vor einer Fahrkonsole, mit der sie ein Fahrzeug aus der Ferne übernehmen und aus einer Situation heraussteuern können. Dabei gibt es einerseits so Modelle, wie sie Qibus, Vay oder Phantom Auto anpeilen, bei der die Fahrzeuge die gesamte Fahrt über aus der Ferne gesteuert werden. Zu keinem Zeitpunkt fährt das Auto dabei autonom.
In einem anderen Modell übernimmt ein TeleOperator nur dann die Steuerung eines autonomen Fahrzeugs, wenn dieses eine von der KI-Software nicht behandelbare Situation erlebt. Wie eben bei dem gebrochen Hydranten. Das Startup Voyage hatte eine solche Lösung im Portfolio, das Unternehmen existiert mittlerweile nicht mehr.
TeleOperatoren müssen dabei mit den Verkehrsvorschriften und lokalen Gegebenheiten vertraut sein. Auch wenn man als Ausländer in den USA mit einem Führerschein aus einem anderen Land fahren kann – z.B. als Tourist oder auf Geschäftsreise – machen sich (manche) Unternehmen sehr wohl die Mühe, ihre TeleOperatoren auf die US-Verkehrsvorschriften und -besonderheiten zu schulen.
TeleAssist / TeleGuidance
TeleAssist (auch TeleGuidance) ist, um einen Vergleich aus der KI-Chatbot-Szene zu leihen, Prompt-to-Drive. Ein Teleassistent wählt sich bei einem solchen Randszenario, bei dem entweder das Robotaxis selbst, die Passagiere oder eine Einsatzkraft die Betriebszentrale verständigt hat, in das Auto ein, sieht durch die Kameras und Sensoren und die gespeicherten Videodaten die aktuelle Situation an, spricht mit Einsatzkräften und Passagieren, und empfiehlt dann dem Robotaxis durch Fragen und Antworten eine geeignete Vorgehensweise. Ein Beispiel könnte sein, dass Baustellenhütchen nicht ganz klar die zu befahrende Spur anzeigen, oder das Fahrzeug beim gebrochenen Feuerhydranten angewiesen wird, dass es problemlos durch die Wasserfontäne fahren kann. Und genau das ist es, was Waymo (oder auch Zoox mit dem TeleGuidance) anwenden.
Beim TeleAssist wird dabei in keinster Weise das Robotaxi von einer Betriebszentrale aus per Lenkrad oder so gesteuert, sondern hilfreiche Hinweise an das Fahrzeug gegeben, um eine unbekannte oder nur schwer erkennbare Situation zu meistern. Damit ist es eigentlich kaum wesentlich, ob die Teleassistenz in den USA oder im Ausland sitzt.
Rechtliche Vorschriften
Kalifornien und andere Bundesstaaten, in denen heute schon Robotaxiflotten betrieben werden, verlangen von den Betreibern ein Konzept, wie fahrerlose Fahrzeuge in solchen Situationen umgehen. Dabei wird rechtlich festgelegt, dass die Fahrzeuge durch Menschen in einer Betriebszentrale Hilfestellung erhalten können müssen, die das Fahrzeug aus solchen Situationen herausbewegen können müssen. Als Konzepte gibt es eben die TeleAssistenz/TeleGuidance und die TeleOperation. Die Möglichkeit, dass innerhalb eines bestimmten Zeitraums auch ein menschlicher Fahrer das Fahrzeug vor Ort übernehmen kann, muss auch vorgewiesen werden. Doch reicht der Zeitraum von 10 oder 20 Minuten für den Normalfall nicht aus, sondern es muss so rasch als möglich darauf reagiert werden können.
Mit anderen Worten: Waymo und andere Robotaxifirmen müssen den rechtlichen Vorschriften folgen und der Lizenzierungsbehörde deren Konzept zur TeleAssistenz/TeleGuidance oder TeleOperation vorweisen können. Es ist also nichts Neues, dass auch Waymo solch eine Abteilung hat. Waymo ging nämlich schon in der Vergangenheit mehrmals auf diese Assistenz ein. So in einem Beitrag aus dem Jahr 2024 mit dem Titel „Flottenreaktion: Eine helfende Hand für die autonom fahrenden Fahrzeuge von Waymo„.
Die Flottenreaktion und der Waymo-Fahrer kommunizieren in erster Linie über Fragen und Antworten. Nehmen wir beispielsweise an, ein Waymo-AV nähert sich einer Baustelle mit einer atypischen Kegelkonfiguration, die auf eine Spurverlagerung oder -sperrung hinweist. In diesem Fall könnte der Waymo-Fahrer einen Flottenreaktionsbeauftragten kontaktieren, um zu bestätigen, welche Spur durch die Kegel gesperrt werden soll.
Maschinenlernen
Nicht vergessen werden darf, dass mit jedem solchen Eingriff oder Hilfestellung von TeleOperatoren/TeleAssistenten die Daten dieser Momente in das Maschinenlernsystem eingespeist werden und das System darauf trainiert wird. Damit können die Fahrzeuge in der Robotaxiflotte über die Zeit mehr und mehr dieser selten auftretenden Fahrszenarien meistern.
Zusammenfassung
Nein, Waymos sind nicht ferngesteuert. Sie sind nicht mittels TeleOperatoren gesteuert, sondern es werden ihnen von TeleAssistenten Hilfestellung gegeben, sollten sie einem seltenen Verkehrsszenario begegnen. Den Rest der Zeit fahren sie vollstándig autonom. Wie häufig Eingriffe geschehen kann ich aus eigener Erfahrung sagen: in meinem mehr als 300 fahrerlosen Fahrten mit autonomen Autos von einem Dutzend Herstellern, darunter 140+ mit Waymos, habe ich vielleicht drei kurze Eingriffe erlebt. Und das schon vor einiger Zeit, denn sie werden immer seltener.
Die Aussage, dass Waymos ferngesteuert und damit nicht autonom unterwegs sind, ist damit falsch. Und nichts anderes hat Waymos Sicherheitschef bei der Anhörung vor dem US-Kongress gesagt. Er sprach von TeleAssistenten, und was diese machen, habe ich in diesem Artikel ausführlich erklärt.
Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.
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