Ende 2021 vermeldete Mercedes-Benz stolz, dass mit der Mercedes S-Klasse und dem EQS nun das Intelligent Drive Pilot als erstes Level 3-System (gemáß SAE) vom deutschen Kraftfahrbundesamt (KBA) zugelassen wurde und somit unter gewissen Voraussetzungen es den Fahrern erlaubt, sich nebenbei mit anderen Dingen zu beschäftigen. Die Einschränkungen waren allerdings signifikant. So war es nur auf Autobahnen bis zu einer Geschwindigkeit von 60 (später bis 95) Kilometern pro Stunde zugelassen, und es musste ein Fahrzeug voranfahren, also wenn man im Stau steht, und die Funktion blieb auch nur innerhalb derselben Fahrspur. BMW, die Konkurrenz aus München, hatte eine ähnliche Funktion im Angebot, den Personal Pilot L3 für schlappe €6.000,- Viel billiger war das Mercedes-Benz-System jedenfalls auch nicht.
Es überrascht wenig, dass nicht viele Kunden sich für diese ziemlich limitierte Option und geschmalzenen Aufpreis interessierte. Es gab auch keinerlei öffentlichen Videos von Kunden auf den einschlägigen Videoplattformen uns sozialen Medien, die sich dabei filmten, wie sie diese Funktion einsetzten. Die einzigen Videos dazu stammten von den Herstellern selbst, oder von Autojournalisten und Influencern, die mal ein Fahrzeug mit dieser Funktion zur Verfügung gestellt bekommen hatten.
Wohl aber überraschte es die Entscheidungsträger in Stuttgart und München, dass es kein Interesse dafür gab. Denn nun ziehen sie die Notbremse. Diese Funktionen kann man bei den neuen Modellen mit Anfang 2026 nicht mehr bestellen, weder bei Mercedes, noch bei BMW. Google entschied schon vor zehn Jahren, dass es kein Level 3-System entwickeln würde, nachdem es mit den ersten Testfahrten gesehen hatte, wie lange menschliche Fahrer benötigen, um wieder die volle Kontrolle über das Fahrzeug übernehmen können. Andere kommen zu dem Schluss erst 2026, nachdem sie einiges Geld und Zeit in die Entwicklung gesteckt hatten.
Dabei hat Mercedes noch vor 5 Monaten stolz einen Innovationspreis für dieses nun eingestampfte System entgegengenommen, und das, wie gesagt, 10(!) Jahre, nachdem die wahren Innovatoren solch ein System gecancelt und sich gleich auf Level 4 fokussiert haben.
Was sagt das nun über die beiden Hersteller aus?
Sie glaubten, dass sie mit Level 3 sich langsam auf Level 4 vorarbeiten könnten. Das ist aber nichts anderes als die Kerze weiter zu optimieren, während andere die Glühbirne bauen. Oder in einem anderen Beispiel, dass man die Leiter zum Mond baut anstelle der Rakete. Warum? Weil man mit der Technologie der Leiter vertraut ist, und den Fortschritt sieht, während man mit der Rakete erst eine ganz neue Technologie entwickeln muss, wo man lange keinen Fortschritt sieht. Am Ende aber gewinnen diejenigen, die eine Rakete entwickelt haben. Warum sage ich das?

Ein solches Level 3-System muss nicht wissen, was genau da vor ihm unterwegs ist und wie es sich über losfahren und abbremsen auch noch anders verhalten könnte. Es muss nicht verstehen, dass das Fahrzeug vor ihm ein LKW, ein PKW oder ein Motorradfahrer ist. Bewegliche Objekte wie Fußgänger, Tiere, oder Rollstuhlfahrer muss das System auch nicht erkennen, geschweige denn Ampeln, Abbiegespuren oder Polizisten. Also nichts, was im städtischen oder ländlichen Verkehr schon mal auf einer Straße dem Fahrzeug begegnen könnte. Und schon gar nicht muss es über deren typischen Verkehrsverhalten wissen.
Diese Objekte zu klassifizieren und deren Verhaltensweisen zu erkennen erfordert ein wesentlich komplexeres Softwaresystem, das für ein Level 3-System weit übertrieben wäre. Der Sprung von Level 3 auf Level 4 ist somit ein großer. Solch ein Level 3-System ist eher mit einer besseren Kerze oder besserem Segelschiff zu vergleichen, als mit der Glühlampe oder dem Dampfschiff, wie es ein Level 4-System darstellen würde. Es handelt sich um eine vollständig andere Architektur und Komplexität.
Das haben Firmen wie Google, Zoox oder damals noch Cruise recht früh verstanden und sich deshalb gar nicht mit der Entwicklung eines Level 3-Systems aufgehalten, sondern haben gleich Level 4 angegangen.
Dass die beiden Hersteller 10 Jahre brauchten, um das zu realisieren, deute auf eine gewisse Lernresistenz hin. Damit ging wertvolle Zeit (und Geld) verloren, sich auf ein Level 4-System zu fokussieren. Aber Hauptsache, sie haben einen Innovationspreis dafür gewonnen. Übrigens warte ich nun auf dieselbe Meldung zum Intelligent Park Pilot, der ist nämlich ähnlich dämlich an den Kundenbedürfnissen vorbei und zählt sogar als Level 4-System. Aber das ist eine andere Geschichte.
Nachschlag
Zu den SAE Level-System habe ich gerade erst einen Beitrag geschrieben, wo ich analysiere, ob diese Level überhaupt noch zeitgemäß sind.
Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.
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