Carl Marius – Und warum ihn niemand kennt

Beim Besuch der Kaiserlichen Wagenburg, die sich gleich neben dem Schloß Schönbrunn in Wien befinden, kann man die imposante Sammlung der Kutschen des kaiserlichen Hofes betrachten. Unter den unzähligen funktionstüchtigen Artefakten befinden sich auch mehrere des ehemaligen Hoflieferanten Carl Marius. Aus Württemberg stammend, als Geselle nach Wien ausgewandert avancierte er über die Jahre zum gefragten Kutschenmacher. Kaiser Franz Joseph I. mochte die Kutschen, die für damalige Verhältnisse eine Kombination aus sportlichem Ferrari und elegantem Rolls-Royce darstellten, und besaß eine umfangreiche Sammlung. Heute noch besitzt die Wagenburg 21 Kutschen aus dieses Kutschenmachers.

Warum aber sagt Carl Marius nur mehr Historikern und Kutschenliebhabern etwas? Aus demselben Grund, warum die Namen Nokia, Polaroid oder Commodore nur mehr den Älteren unter uns etwas sagen. Diese Unternehmen dominierten die Märkte und brachten die beliebtesten Produkte ihrer Zeit hervor. Sie scheiterten aber daran den Sprung in die nächste Generation einer Technologie zu schaffen.

Betrachtet man die Ausbildung und den Hintergrund von Automobilpionieren, dann findet sich kaum ein Kutschenmacher darunter. Benz (Maschinenbauer), Porsche (Handlungsgehilfe), Otto (Büchsenmacher), Puch (Schlosser) oder Ford (Mechaniker) kamen alle aus anderen Disziplinen. Kaum einer kam aus der Zunft der Kutschenmacher. Gerade mal Lohner (Wien) und Studebaker (USA) waren dabei, sich in der Automobilbranche zu versuchen.

Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass zu sehr innerhalb der eigenen Disziplin gedacht und vor allem inkrementelle, schrittweise Innovation vorgenommen wird. Neueinsteiger aus anderen Disziplinen hinterfragen mit einer frischen Sichtweise die Regeln der bestehenden Industrie. Dabei haben sie keinerlei Beziehungen zu wichtigsten Playern innerhalb dieser Industrie und können diesen auf die Zehen treten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen oder alte Seilschaften zu gefährden.

Carl Marius Kutschenmanufaktur war einer der Verlierer der Automobilrevolution, und es zeichnet sich ab, wer die Verlierer der zweiten Automobilrevolution sein werden. Wiederum kommen Neueinsteiger in diese 100 Jahre alte Industrie und gehen beherzt vor. Teslas Elon Musk, die Google-Gründer oder Apple kommen alle aus der Informatik, keiner der Gründer hat eine Ausbildung oder einen Hintergrund aus der Automobilindustrie. Damit können sie unbeschwert vorgehen und Probleme anpacken, die die Platzhirschen als zu schwierig oder als nicht beachtenswert empfanden.

Werden wir uns in 100 Jahren noch an Volkswagen erinnern? Können die Leute etwas mit dem Begriff ‚Mercedes‘ anfangen? Oder wird es wie mit Carl Marius sein, den wir heute nur mehr im Museum sehen und nur schwer einordnen werden können? Das entscheidet sich ohne Zweifel in diesem Zeitraum, den wir miterleben.

Zum Schluß noch ein kleiner virtueller Spaziergang durch die Kaiserliche Wagenburg in Wien:

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Das Silicon-Valley-Mindset.

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