Wie Datenschutzparanoia Elektromobilität in Deutschland verhindert

Ladestationen für die Elektrobusflotte in Stanford

Sobald das Thema Elektrofahrzeuge in Deutschland diskutiert wird, wendet sich der Fokus sofort auf die Frage, ob es denn ausreichend Strom für all die zu erwartenden Fahrzeuge gäbe. Die Antwort selbst ist einfach: Ja.

Selbst bei Vollelektrisierung läge der Bedarf an Elektrizität für E-Mobilität bei 105 Terawattstunden (TWh), was 15 Prozent der heute produzierten Strommenge entspricht. Der Mehrbedarf kann heute schon zur Hälfte abgedeckt werden. Deutschland selbst ist Stromexporteur und es gibt ausreichend Reserven durch Gaskraftwerke die einspringen könnten.

Die eigentliche Frage ist eher wie der Strom zu den Abnahmestellen kommt. Die Leitungen müssen entsprechend ausgelegt sein und durch Stromsparmaßnahmen ging der Verbrauch der einzelnen Haushalte eher zurück. Um ausreichende Strommengen an den richtigen Orten zur richtigen Zeit bereitstellen zu können, müssen die Stromanbieter mehr über den Verbrauch wissen. Leistungsfähige Leitungen zu verlegen muss geplant werden. Doch dazu braucht man Daten.

Und hier kommt Deutschland die eigene Datenschutzparanoia in die Quere. Laut Gesetz muss eine minutengenaue Aufschlüsselung des Stromverbrauchs privater Haushalte bei Neubauten erst ab einem Jahresverbrauch von 6.000 kWh erfasst werden. Und diesen Verbrauch erreichen die meisten Haushalte selbst mit einem Elektroauto nicht. Der Verbrauch eines durchschnittlichen Haushaltes liegt pro Jahr bei 4.500 kWh.

Zwar wird vor allem mit den Kosten eines intelligenten Stromzählers argumentiert, der pro Jahr bei 10 bis 20 Euro liegt, und die durch andere Einsparungen schnell wieder herinnen wäre. Allerdings erlauben die Erfassung des Stromverbrauchs Rückschlüsse auf persönliche Vorlieben der Bewohner. Wie viele Bewohner im Haushalt wann aktiv sind und welche Art von Stromabnahmegeräten sie verwenden lässt sich damit leicht herauslesen.

Das Fehlen dieser Daten steht einer besseren Energiepolitik und Planung im Wege. Wo wann Bedarfsspitzen sind lässt sich ohne diesen Informationen nur schwer vorhersagen. Im Zweifelsfall müssen leistungsfähigere und somit teurere Stromleitungen auch dort verlegt werden, wo letztendlich nur geringer Bedarf ist.

Neben den gestiegenen Kosten für alle hat das noch weitere Auswirkungen auf den Standort Deutschland. Mit weniger Daten und Erfahrung in der Digitalisierung gibt es auch weniger Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle und Start-ups. Das zeigt sich bereits heute im Rückstand den Deutschland bei der Digitalisierung hat. Während die fünf wertvollsten US-Unternehmen alle aus der digitalen Branche stammen, befindet sich im DAX 30 mit SAP gerade mal eines von Weltrang. Und selbst dieses erreicht gerade mal eine Marktkapitalisierung von einem Viertel der US-Unternehmen.

Die Datenschutzparanoia die Deutschland (und Europa) beherrscht kostet uns letztendlich nicht nur mehr, sie verhindert auch, dass neue Wirtschaftszweige entstehen können und wichtige Industrien wie die Automobilbranche auch in Zukunft Weltführer sein werden.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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