Welche Lügen hat uns Nikola Motor noch aufgetischt?

Nikola Motor Company, ein in Phoenix in Arizona beheimatetes Start-Up mit Fokus auf der Entwicklung eines Brennstoffzellen-LKWs, ist in den letzten Tagen in einen – wie sich nun erweist – selbstverschuldeten Shitstorm geraten.

Angefangen hat alles damit, dass vergangenen Donnerstag Hindenburg Research, ein Spezialist in der forensischen Untersuchung von Finanzbetrug und Shortseller, einen in seinen Details vernichtenden Bericht zu möglichen Wirtschaftsbetrug, Täuschung und leeren Versprechungen bei Nikola Motor und dem CEO Trevor Milton veröffentlicht hat.

Vorwürfe

Hier ist eine Kurzfassung der Vorwürfe aus dem 63-seitigen Bericht:

  • Heute enthüllen wir, warum wir Nikola für einen komplizierten Betrug halten, der auf Dutzenden von Lügen im Laufe der Karriere seines Gründers und Exekutivvorsitzenden Trevor Milton aufgebaut ist.
  • Wir haben umfangreiches Beweismaterial zusammengetragen – darunter aufgezeichnete Telefongespräche, Textnachrichten, private E-Mails und Fotos hinter den Kulissen – das Dutzende von Falschaussagen des Nikola-Gründers Trevor Milton enthält. Ein derartiges Maß an Täuschung haben wir in einem öffentlichen Unternehmen, insbesondere in einem Unternehmen dieser Größe, noch nie erlebt.
  • Trevor hat es geschafft, diese Falschaussagen, die er im Laufe eines Jahrzehnts gemacht hat, in ein öffentliches Unternehmen von ~20 Milliarden Dollar umzuwandeln. Er hat Partnerschaften mit einigen der führenden Autofirmen der Welt geschlossen, die alle verzweifelt versuchten, zu Tesla aufzuschließen und die EV-Welle zu nutzen.
  • Wir untersuchen, wie Nikola zu einem frühen Start kam, und zeigen, wie Trevor Partner dazu verleitet hat, Verträge zu unterzeichnen, indem er fälschlicherweise behauptete, über umfangreiche proprietäre Technologie zu verfügen.
  • Wir enthüllen, wie Nikola angesichts der wachsenden Skepsis über die Funktionalität seines Lastwagens ein Video mit dem Titel „Nikola One in Motion“ inszenierte, das den Sattelschlepper mit hoher Geschwindigkeit auf einer Straße fahren ließ. Unsere Untersuchung des Standorts und Textnachrichten eines ehemaligen Mitarbeiters zeigen, dass es sich bei dem Video um ein aufwendiges Ruse-Video handelte – Nikola ließ den Lastwagen auf einem abgelegenen Straßenabschnitt auf die Spitze eines Hügels schleppen und filmte einfach, wie er den Hügel hinunterrollte.
  • Im Oktober 2019 kündigte Nikola an, er werde die Batterieindustrie revolutionieren. Dies sollte durch eine schwebende Übernahme geschehen, aber der Deal scheiterte, als Nikola erkannte, dass (a) die Technologie Vaporware war und (b) der Präsident der Batteriefirma Monate zuvor wegen Anschuldigungen angeklagt worden war, er habe die NASA betrogen, indem er sein Spesenkonto dazu benutzte, zahlreiche Prostituierte zu beschaffen.
  • Nikola hat niemals Behauptungen in Bezug auf seine Batterietechnologie zurückgewiesen. Stattdessen fuhr Trevor fort, die Technologie öffentlich hochzujubeln, selbst nachdem er von den oben genannten Problemen erfahren hatte. Die revolutionäre Batterietechnologie hat nie existiert – jetzt plant Nikola, stattdessen die Batterietechnologie von GM zu verwenden.
  • Ein Sprecher des Volvo-Spin-Offs Powercell AB, einer Firma für Wasserstoff-Brennstoffzellentechnologie, die früher eine Partnerschaft mit Nikola eingegangen ist, nannte Nikolas Batterie- und Wasserstoff-Brennstoffzellentechnologie „heiße Luft“.
  • Neben der Nutzung der Batterietechnologie von GM will Nikola nun auch die Produktions- und Brennstoffzellenkapazitäten des Autoherstellers nutzen. Nikola scheint nichts in die Partnerschaft einzubringen, außer Konzeptentwürfe, ihren Markennamen und bis zu 700 Millionen Dollar, die sie GM für die mit der Produktion verbundenen Kosten zahlen werden.
  • Preiswerter Wasserstoff ist für den Erfolg von Nikolas Geschäftsmodell von grundlegender Bedeutung. Trevor hat in einer Präsentation vor Hunderten von Menschen und in mehreren Interviews behauptet, dass es ihm gelungen sei, die Kosten für Wasserstoff im Vergleich zu seinesgleichen um ~81% zu senken, und dass er bereits Wasserstoff herstellt. Nikola hat Wasserstoff weder zu diesem Preis noch zu irgendeinem anderen Preis produziert, wie er später auf Druck der Medien zugab.
  • Trevor hat seinen Bruder Travis zum „Direktor für Wasserstoffproduktion/Infrastruktur“ ernannt, um diesen kritischen Teil des Geschäfts zu beaufsichtigen. Travis‘ frühere Erfahrung scheint weitgehend darin bestanden zu haben, Einfahrten aus Beton zu gießen und als Subunternehmer an Hausrenovierungen in Hawaii mitzuwirken.
  • Die Behauptung, im Besitz von Energieerzeugungsanlagen zu sein, ist für Nikola nicht neu. Trevor behauptete, dass der Hauptsitz von Nikola 3,5 Megawatt Sonnenkollektoren auf seinem Dach hat, die Energie produzieren. Luftaufnahmen des Daches und spätere Medienberichte zeigen, dass die angeblichen Paneele nicht existieren.
  • Irgendwann behauptete Nikola, seine eigenen Erdgasquellen zu besitzen. Es gibt keine Beweise in den Firmenunterlagen, die dies belegen. Die Behauptungen wurden schließlich stillschweigend von Nikolas Website entfernt.
  • Trevor behauptet, Nikola entwirft alle Schlüsselkomponenten im eigenen Haus, aber es scheint, als würden sie diese einfach von Dritten kaufen oder in Lizenz vergeben. Ein Beispiel: Wir haben herausgefunden, dass Nikola tatsächlich Wechselrichter von einer Firma namens Cascadia kauft. In einem Video, das seine „hauseigenen“ Wechselrichter vorstellt, hat Nikola das Cascadia-Etikett mit einem Stück Kreppband verdeckt.
  • In einem Podcast vom Juli 2020 sagte Trevor über Nikolas „Tre“-Truck: „Wir haben fünf von ihnen, die gerade in Ulm, Deutschland, vom Fließband laufen. Ein Sprecher von Bosch, dem Fertigungspartner, der die Lkw baut, bestätigte in diesem Monat, dass noch keine Lkw hergestellt werden.
  • Die „Enthüllung“ des Unternehmens Nikola One war eine totale Farce. Wir bestätigen Bloombergs frühere Arbeit, die Trevors Behauptungen bezüglich seines Sattelschleppers entkräftet, dass „dieses Ding voll funktioniert und funktioniert… das ist ein echter Lastwagen“, und liefern neue Beweise.
  • Wir präsentieren Fotos hinter den Kulissen, die zeigen, dass Nikola sich ein Stromkabel von unter der Bühne in den Lastwagen schlängeln ließ, um fälschlicherweise zu behaupten, dass die elektrischen Systeme des Nikola One voll funktionsfähig seien.
  • Wir erfuhren durch E-Mails und Interviews mit ehemaligen Partnern, dass Trevor eine Künstlerschablone „H2“ und „Zero Emission Hydrogen Electric“ auf der Seite des Nikola One hatte, obwohl er keinerlei Wasserstoff-Fähigkeiten hatte; er wurde mit Erdgaskomponenten gebaut.
  • Wir legen auch Beweise dafür vor, dass spätere „Enthüllungen“ fiktiv waren. Im Jahr 2019 enthüllte Nikola eine Version seines Geländewagens der „nächsten Generation“. Wir erfuhren, dass er innerhalb weniger Wochen nach der Enthüllung aufgrund von Herstellungsproblemen verschrottet wurde. Die Umgestaltungsarbeiten wurden dann stillschweigend ausgelagert.
  • Nikolas vielbeschworenes Auftragsbuch mit einem Volumen von mehreren Milliarden Dollar ist mit Fusseln gefüllt. Berichten zufolge macht U.S. Xpress ein Drittel seiner Vorbehalte aus, was einem Auftragsvolumen von ~3,5 Milliarden Dollar entspricht. U.S. Xpress hatte im letzten Quartal nur 1,3 Millionen Dollar in bar zur Verfügung.
  • Nikolas Hauptpartner und Geldgeber haben sich aggressiv auszahlen lassen. Worthington, Bosch und ValueAct haben alle Anteile verkauft. Worthington verkaufte Aktien im Wert von 237 Millionen Dollar innerhalb von zwei Tagen im Juli und weitere 250 Millionen Dollar im August. Wir glauben, dass sie genau wissen, was für eine Art von Unternehmen Nikola ist, und wir erwarten, dass die Schlüsselaktionäre weiterhin aussteigen werden, da die GM-„Partnerschaft“ von Nikola den Aktienkurs in die Höhe treibt.
  • Wir glauben, dass Trevor Milton durch Dutzende offener Lügen in der Lage war, Partnerschaften mit einigen der größten Altautofirmen der Welt einzugehen, in ihrer Verzweiflung, zu Teslas EV-Führungsstatus aufzuschließen.
  • Trevor hat sichergestellt, dass er nicht mit dem Schiff untergeht. Er zahlte rund um den Börsengang 70 Millionen Dollar aus und änderte seine Aktienverpflichtung von einem Jahr auf 180 Tage. Wenn er gefeuert wird, werden seine Aktienzuteilungen sofort unverfallbar, und er ist berechtigt, innerhalb von zwei Jahren 20 Millionen Dollar zu kassieren. Milton hat die Grundlage dafür geschaffen, Nikola Hunderte von Millionen zu entnehmen, Jahre bevor er jemals seine Versprechen einlösen konnte.
  • Hin und wieder kommt eine Geschichte auf, die aufdeckt, wie wenig die „Experten“ wirklich wissen. Theranos schloss Partnerschaften mit Walgreens, Safeway und der Cleveland Clinic und besetzte seinen Vorstand mit Koryphäen. Wir denken, dass Nikolas Partner ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Die wichtigsten Vorwürfe umfassen den fahruntüchtigen LKW im Video, der den Anschein erweckt, als fahre er selbst. Der andere, dass angeblich von Nikola entwickelte Technologie nicht von Nikola stammt. All diese Aktionen um etablierte Partner aus der Automobilindustrie zu gewinnen. Und dass Trevor Milton schon heute am meisten von diesen Täuschungen profitiert habe, indem er sich Summen in Höhe von fast 200 Millionen Dollar zugeschanzt habe.

Gegendarstellung

Diese Vorwürfe schlugen wie eine Bombe ein. Gegenüber der deutschen Wirtschaftswoche dementierten zwei der Partner, Bosch und Nel Hydrogen, diese Vorwürfe und dass sie weiterhin an der Entwickung des Brennstoffzellen-LKWs mit Nikola festhalten wollen.

Nikola selbst versuchte Schadensbegrenzung und veröffentlichte am Montag eine Gegendarstellung. Mit begrenzten Erfolg. Einige der wichtigsten Vorwürfe von Hindenburg Research wurden in dem Bericht bestätigt, so dass auf dem Video ein fahruntüchtiger Prototyp die Straße hinabrolle, davon aber nichts erwähnt wird, und dass der gezeigte Inverter gar nicht von Nikola selber stamme.

Reaktionen

Zuerst mal brach der Aktienpreis von Nikola Motor ein. Fred Lambert von Electrek jedenfalls zieht mit Trevor Milton und Nikola Motor scharf ins Gericht. Er wirft ihm absichtliche Täuschung von vorgeblich funktionierender Technologie vor, nur um Partner zu gewinnen, die sein Abenteuer finanzieren. Fred zitiert dann in Tweets einen anonym gebliebenen Mitarbeiter, der an dem LKW gearbeitet hatte:

Das Problem dabei ist, dass er das mehrmals getan hat. Er behauptet, dass er sich direkt der Kritik ausgesetzt sieht, aber er hält sich nur aus Behauptungen heraus, anstatt klare Beweise zu liefern. Er könnte einfach ungeschnittene Videos von den Testfahrten und solche Dinge veröffentlichen, um Behauptungen zu dementieren. Warum tut er es nicht?

Hier ist ein Zitat von jemandem, von dem ich bestätigt habe, dass er an dem „voll funktionsfähigen“ Nikola-Prototypen-Truck gearbeitet hat, laut Trevor: „Ich war alarmiert, als ich Lügen wie Wasser von Trevor hörte, als er mit Investoren und Politikern auf dem Boden herumlief.

Tweet von Fred Lambert, electrek

Besonders eine Behauptung stößt auf, die in einem Video einen Nikola One Brennstoffzellen-LKW in Bewegung zeigt. Wie nun auch Trevor Milton zugibt, war der LKW nicht selbst angetrieben, sondern rollte eine lange, abschüssige Strecke hinab. Zum Zeitpunkt der Demo sei noch kein fahrtüchtiger Prototyp verfügbar gewesen, er sei aber „in Bewegung“. Hier das Video:

Angesichts der lahmen Gegendarstellung, die die Vorwürfe von Hindenburg Research bestätigen, stellt sich für uns nur eine Frage: Welche Lügen hat uns Nikola Motor noch aufgetischt?

Konsequenzen

Welche Konsequenzen wird das haben?

Zuerst einmal ist zu erwarten, dass Partner Bosch, GM oder Nel Hydrogen interne Untersuchungen beginnen und Antworten von Milton verlangen werden. Sollten sich die Behauptungen als mindestens so schlimm erweisen, wie behauptet, dann könnte Nikola Motors sehr rasch implodieren. Das gerade erst an die Börse gegangene Start-up könnte somit den Investoren viel Geld gekostet haben und Trevor Milton und der Vorstand könnten sich auf der Anklagebank wieder finden. Hindenburg Research selbst scheut sich nicht den Vergleich mit Theranos zu ziehen, deren Gründerin Elizabeth Holmes und ihr Partner gerade wegen eines 700 Millionen Dollar schweren Betrugs mit nicht funktionierende Technologie vor Gericht stehen.

Für die Entwicklung von Brennstoffzellen als Antriebsstrang für LKWs könnte sich das auch als ein ziemlicher Schlag erweisen, wenn nicht sogar der Todesschlag für diese Technologie.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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