Der letzte Fahrlehrer – ein Beruf auf dem Weg ins Museum

Mehr als 120 Jahre, nachdem die erste Fahrschule in Deutschland gegründet worden war, stehen die Fahrschulen vor am Aus. Der Architekt Rudolf Kempf hatte am 7. November 1904 die „Erste Deutsche Autolenkerschule“ in Aschaffenburg gegründet. Damit sollte das Interesse am Automobil durch das Erlernen, wie ein solches funktioniert und bedient werden kann, abgedeckt werden.

Die erste Fahrschule folgte damit dem Trend, das zunehmende Phänomen „Automobil“ zu regulieren. Schon 1896 wurde in Baden das Autokennzeichen eingeführt, bis es 1909 im gesamten Deutschen Reich Pflicht wurde. Zeitgleich wurde damit auch die Fahrerlaubnis eingeführt, die unterschiedliche Regulierungen vereinheitlichen sollte. Schon 1888 hatte Carl Benz die erste Fahrerlaubnis erhalten, allerdings eben nur in seiner Heimatregion.

Was mit dem stets steigenden Interesse am Automobil in Deutschland, und der damit einhergehenden Anzahl an Kraftfahrzeugen, 120 Jahre lang ein gutes Geschäft für die Fahrschulbranche bedeutete, beginnt nun langsam zu bröckeln. Gab es 2010 noch fast 12.000 Fahrschulen, so sind es 2025 nur mehr die 9.000 bis 10.000 (je nach Statistik), ein Rückgang von 20 bis 25 Prozent. Der Rückgang bis 2030 soll sich sogar beschleunigen, denn dann wird mit nur mehr 7.500 Fahrschulen gerechnet.

Die von der Fahrschulbranche angegeben Ursachen sind einerseits der demographische Wandel, in der es bei einer schrumpfenden und älter werdenden Bevölkerung weniger Jugendliche gibt, und die vor allem in der Stadt weniger Interesse zeigt, einen Führerschein zu machen. Andererseits kämpft die Branche mit der schwindenden Zahl an Fahrlehrern, die auch zunehmend veraltet. Es macht es nicht einfacher, dass nach wie vor fast 90 Prozent der Fahrlehrer männlich sind. Die Branche schafft es nicht, Frauen und junge Menschen für den Beruf zu interessieren.

Dabei ignoriert die Fahrschulbranche hartnäckig einen weiteren Trend, der ihr den Rest geben und sie vollständig auslöschen wird. Es handelt sich um den bereits laufenden Technologie- und Geschäftsmodellwechsel beim Fahrer: autonome Autos und Robotaxis übernehmen schrittweise ganze Städte und Regionen. Und das mit einem exponentiellen Wachstum. Im Mai 2024 absolvierten Waymo Robotaxis in San Francisco, Austin, Los Angeles, und Phönix 50.000 fahrerlose und bezahlte Fahrten pro Woche, im Mai 2025 waren es bereits 250.000. Das sind nur die Zahlen von Waymo, einer Google-Schwesterfirma, die bis Ende des Jahres in 10 Städten und Regionen der USA aktiv sein will, und für 2026 neben den USA auch bereits andere Länder wie Japan anpeilt.

Autonome Autos beschränken sich nicht auf PKWs, auch LKWs sind schon im fahrerlosen Einsatz, Kodiak, Aurora, Gatik und viele andere bringen Lösungen für die vom Fahrermangel gebeutelten Transportbranche.

Noch dieses Jahr sollen weitere Robotaxifirmen die kommerzielle Betriebsgenehmigung erhalten, unter anderem Zoox und Tesla, aber auch chinesische Anbieter wie WeRide, DiDi, Baidu/Apollo, AutoX oder Pony.AI, die allesamt bereits in China kommerzielle und fahrerlose Robotaxidienste anbieten und sich bereits in Europa angesiedelt haben.

Ein heimisches Projekt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn und der Rhein-Main-Verkehrsverbund hat soeben mit dem Projekt KIRA den Testbetrieb in Deutschland aufgenommen, wie auch das von Volkswagen mit Nio und Mobileye betriebene MOIA. Noch sitzen bei beiden Testbetrieben Sicherheitsfahrer hinter den Lenkrädern, aber die Richtung ist klar: Fahrer wird es dort bald nicht mehr geben.

Die Nachrichten von Partnerschaften und Tests von Autoherstellern wie GM mit Cruise, Toyota mit Waymo, Volkswagen mit Mobileye zeigt auch hier, dass Privat-PKWs ohne autonome Fahrfunktion bald nicht mehr auskommen und ausgeliefert werden. Auch wenn, wie im folgenden Videos zu sehen, autonome Autos noch Verbesserungsbedarf haben, die Flotten werden sukzessive besser. Nicht so der Mensch. Während sich mancher über das Waymo lustig macht, weil es in den überschwemmten Straßenabschnitt eingefahren und zum Erliegen gekommen ist, sieht man im selben Video eine Reihe von menschlichen Fahrern, denen es ähnlich erging. Auch sie fuhren in die Wassermassen rein und blieben hängen.

Die Menschen hatten mehr als 130 Jahre Zeit, bessere Fahrer zu werden, und trotzdem machen sie noch solche Fehler wie im Video, fahren betrunken, zornig, abgelenkt und übermüdet. Ein autonomes Auto macht das nicht. Und kommt eines davon in eine neue Situation, die es bislang nicht erlebt hat, lernen von diesem einen Fahrzeug alle anderen Fahrzeuge in der Flotte. Damit werden der Sicherheitsstandard und die Fähigkeiten von autonomen Autos unerlässlich steigen, während die von Menschen als Gesamtheit auf demselben Niveau bleiben wird, trotz all der Bemühungen der Fahrschulbranche und den eingebauten Fahrerassistenzsystemen der Hersteller.

Mit der wachsenden Zahl von autonomen Autos wird die Fahrschulbranche zuerst langsam, dann schlagartig nicht mehr benötigt. Diese Branche verabschiedet sich sang- und klanglos wie der Fahrstuhlführer, das Fräulein vom Amt oder der Fassbinder. Gibt es Hoffnung, dass sich die Aufgaben der Fahrschulen ändern, wenn es keine Fahrer mehr gibt, sondern die KI das Fahren übernimmt? Wie der Buchdrucker heute nicht mehr Bleilettern setzt, sondern am Computer das Layout und die Korrekturen macht? Wie die Ärztin, die heute nicht mehr mit Blutegeln, sondern mit Röntgengeräten arbeitet?

Vielleicht, aber dazu müsste sich die Fahrschulbranche heute schon ernsthaft mit autonomen Autos beschäftigen. Nur zu erkennen ist nichts davon. Dabei drängt die Zeit, denn geht die Entwicklung weiter so wie bisher, wird es die Fahrschulbranche 2040 nicht mehr geben.

Persönliches

Die Tochter einer Freundin jedenfalls feierte Ende Mai ihren 18. Geburtstag und fuhr zu ihrer Prom (der traditionelle Ball an amerikanischen High Schools) mit einem Waymo. Führerschein hat sie und will sie nicht.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

12 Kommentare

  1. Das autonome Fahren ist die Zukunft. Der Fahrlehrer und das gelenkte Fahren sind ein Auslaufmodell. Aber sind sie das auch in Deutschland? Ich habe da so meine Zweifel. Auf die folgende Frage eines Journalisten der Neuen Osnabrücker Zeitung „Robert Habeck sieht im autonomen Fahren eine ‚riesige Zukunftschance‘ für die kriselnden Autobauer. Er irrt dann?“ antwortete Richard Damm, der Präsident des Kraftfahrtbundesamtes: „Es wurde schon viel diskutiert, ob Hersteller zu Mobilitätsanbietern werden. Festzuhalten ist, dass sie ihre Sharing-Angebote zurückfahren und sich auf das Kerngeschäft konzentrieren: Autos verkaufen. Und ich sehe keine Abkehr von dem Modell.“

    Mit dem Modell meint er das gelenkte Fahren kombiniert mit ein paar Fahrassistenzsystemen. Ich halte diese Ansicht für höchst fahrlässig, da sie Menschenleben kostet. Leider sehen es viele deutsche Politiker ähnlich wie Herr Damm. Wie kann man in Deutschland einen dringend nötigen Meinungswechsel bewirken?

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    1. Die große Chance für deutsche Hersteller gibt es nur, wenn diese in Zukunft auch autonome Autos anbieten. Doch warum sollten sie? Die ganze Philosophie dort ist doch „Freude am Fahren“ nicht „Freude am Gefahrenwerden“.

      Selbst wenn sie nach wie vor Privat-PKWs verkaufen, müssen diese sehr bald autonom unterwegs sein können. Doch dazu bräuchten deutsche Hersteller die Selbstfahrtechnologie.

      Frage: wie viele autonome Autos hast Du auf deutschen Autobahnen und Städten schon gesehen, die fahrerlos im regulären Verkehr unterwegs gewesen sind? Wenn Deine Antwort 0 (Null) ist, und weißt, dass seit 2018 in den USA die ersten absolut fahrerlosen Autos unterwegs sind und Waymo nun pro Monat mehr als 1 Million bezahlte und fahrerlose Fahrten in San Francisco, Austin, Phönix, Los Angeles und der Bay Area unternimmt, und auch in China gleich mehrere Anbieter dasselbe tun, und in SF und Las Vegas auch Zoox in den nächsten Wochen seinen fahrerlosen kommerziellen Robotaxidienst aufnehmen wird, dann verstehst Du, wie groß die Chance für Deutschland da ist, mit eigener Technologie vorne mit dabei zu sein. Sie ist gleich Null, denn sie sind mindestens 7 Jahre hintennach.

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      1. Da bist Du jetzt aber ein paar Jahre hintendran. Ich haben jedenfalls einen EQS mit dem ich als Privatperson(!) auf 12.996 km in Deutschland nach Level 4 autonom fahren kann. Es gibt in Deutschland den rechtlichen Rahmen dafür, es gibt die Produkte (S-Klasse, EQS, 7er und bald auch Audi) und im Falle eines Unfalls beim autonomen Fahren bezahlt der Hersteller den Schaden.

        All das gibt es in den USA nicht. Ja, es gibt Waymo, die das Thema sehr gut beherrschen, aber für Privatpersonen gibt es keine rechtliche Grundlage für Level 4, es gibt keine freigegebenen Strecken – und zwar nicht einen einzigen km für Level 4, privat – und es gibt keine zugelassenen Produkte.

        Und wer bitte ist Herr Habeck?? Autonomes Fahren ist heute schon eine Commodity. Hunderte Anbieter werden es können, auch alle Deutschen Hersteller bis hin zum Skoda, Fiat, Renault – alle werden es können. Nur rätseln im Moment alle Autohersteller wie man damit Geld verdienen soll – niemand hat eine Idee wie das gehen soll. Waymo verbrennt ja auch jedes Jahr hunderte Mio USD, obwohl der km bis zu 8 USD kostet und Google holt externe Investoren und Partner rein, weil ihnen die Sache auch etwas teuer wird.

        Die Fragen „ist das Thema überhaupt lösbar?“, „wann ist es lösbar?“, „wer wird es dann können?“, die hatten wir vor ein paar Jahren, heute nicht mehr. Jeder wird es können. Nur Tesla vielleicht nicht – weil sie in ihrer ideologischen Falle „Cameras Only“ gefangen sind. Damit werden sie einfach niemals eine Zulassung bekommen. Jetzt, nachdem Elon dem Donald vors Schienenbein getreten hat, sowieso nicht mehr.

        Die ganzen Tech Demos von Tesla, etc. sind ja ganz schön. So lange der Hersteller die Kosten beim Unfall nicht übernimmt und ich keine Versicherung mehr brauche – so wie das Mercedes tut – kann man alle Ansätze ignorieren. Sie sind wertlos. Zwischen „ich kann autonom fahren“ und „ich kann in einem Level 4 zertifizierten Produkt rechtlich abgesichert autonom fahren“ liegt für den Hersteller kolossal viel Arbeit. Klar kann man dann Level 4 in Deutschland aktuell nur auf 12.996 km fahren, aber immerhin mehr als die 0 km in USA. Sogar die Produkte, die auf Level 4 zertifiziert sind, darf ich als Privatperson in den USA nicht fahren, weil die gesetzliche Grundlage fehlt, die es in Deutschland immerhin schon mal gibt.

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      2. Der MErcedes Intelligent Drive Pilot is ein Level 3 System. Im Prinzip ein Abstandshalter auf der Autobahn ohne Spurwechsel mit Lead Fahrzeug bis 60km/h.

        Ein Vergleich vom Drive Pilot mit der Tesla FSD ging katastrophla für Mercedes aus: https://derletztefuehrerscheinneuling.com/2024/05/09/22-minuten-fahrt-von-mercedes-eqs-mit-drive-pilot/

        Mercedes hat auch den Intelligent Park Pilot, der als Level 4 gilt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das geht nämlich nur in einer Garage weltweit.

        Intelligent Park Pilot: Mercedes macht deutlich, warum wir verloren haben

        Und dann glaubt man in Deutschland, so wie Du, man sei damit weltführend im Level 4 Fahren. Ist man nicht…

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      3. das stimmt ja so nicht. 95 km/h fährt ein EQS autonom auf 12.996 km und man kann Filme schauen und Emails schreiben. Das wird in 2025 noch auf 130 erhöht. Im Tesla ist es auf keinem einzigen km erlaubt autonom zu fahren und nicht mehr auf den Verkehr zu achten – nicht in Deutschland und nicht in den USA. Es gibt in den USA keine einheitlichen Gesetze, und es gibt keine zugelassenen Produkte. Das eine Produkt kann ich als Kunde auf 12996 km nutzen, das andere nicht. Kleiner Unterschied.

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      4. Ah ich sehe Du verwechselst technische Möglichkeiten mit rechtlicher Zulassung. Mercedes hat die Zulassung für den Drive Pilot in Deutschland und Nevada. Doch mit großen Einschránkungen. Er darf nur auf Autobahnen – und jetzt kommt’s – mit Lead Fahrzeug verwendet werden. Und er wechselt die Spur nicht. Rechtlich darfst Du dann Lesen, E-Mails schreiben oder fernsehen, musst aber übernehmen können, wenn dir das das System sagt.

        Teslas FSD kann all das schon – ich mach’s ja in den USA bei bis zu 80 Meilen pro Stunde ständig – und auch in der Stadt. Hier ist ein Beispiel einer solchen Fahrt, die mich in 27 Minuten durch die Stadt inklusive Autobahnabschnitt führt: https://derletztefuehrerscheinneuling.com/2024/05/09/27-minuten-fahrt-durch-san-francisco-mit-tesla-fsd-v12-3-6/

        Und dann gibt es Waymo (gab es Cruise), gibt es bald Zoox, die tatsächlich vollständig fahrerlos unterwegs sind, ja teilweise (wie Zoox) gar kein Lenkrad mehr im Auto haben. Waymo macht mittlerweile mehr als 1 Million fahrerlose und bezahlte Fahrten pro Monat.

        Nur um das zu vergleichen: bist Du in dem EQS schon mal hinten auf der Rückbank gesessen, während der Fahrersitz leer war und bist so hunderte Kilometer auf der Autobahn gefahren?

        Wenn man das miteinander vergleicht, dann ist Mercedes bestenfalls Regionalliga, Waymo, Zoox & Co Champions League.

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  2. Sehr schöner Artikel! :-))

    Aber wir sollten ehrlich sein. Ganz so schnell wird es nicht gehen. Zumindest wird es noch lange Zeit Spezialfahrlehrer für Teslas geben. Seit 2015 hören wir uns jetzt Elons Geschwafel and „nächste Woche ist es soweit – wir haben Level 5“. Und nächste Woche ist es dann wirklich soweit: Tesla wird mit Sicherheitsfahrer und 10 Autos an den Start gehen und erste Gehversuche mit einem Robotaxi machen. Vermutlich genauso ungelenk wie „Optimus“. Oder war es vielleicht wieder nur heisse Luft und nächste Woche findet einfach gar nichts statt? Wie seit 10 Jahren? Aber er hat ja im Interview auch schon angekündigt, dass Ende 2026 1 Mio Teslas autonom unterwegs sein werden – naja das Ketamin halt wieder…

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    1. Was für „Spezialfahrlehrer“ für Tesla? Ich habe einen Tesla mit FSD hier in den USA, da brauchst Du bald keinen Fahrlehrer mehr, wie auch bei den Waymos und Zoox Du schon heute keinen Fahrlehrer, geschweige denn „Spezialfahrlehrer“ mehr brauchst.

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  3. Hallo Mario.

    Ich bin fest überzeugt, daß sich autonomes Fahren durchsetzen wird. Schließlich durften wir mit dir ja schon mal Waymo in SF fahren.

    Ich denke aber nicht ausschließlich. In Flachau beim Tesla Takeover, hat Lars Sandritter auf der Bühne mit dir m.E.das richtige gesagt.

    Ich wäre froh gewesen, wenn mein Model Y ,mich von Dänemark nach Salzburg gefahren hätte.

    Den Ausflug am nächsten Tag über den Großglockner, möchte ich aber gerne selbst fahren ( Freizeit ).

    Ich denke diese Mischung ist mehr die Zukunft. Es wird viel mehr % an autonomen Fahrten geben, rasant wachsend, aber eben auch selbstgesteuerte Fahrten.

    Liebe Grüße Joe…ich hoffe es geht dir gut 👍

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  4. Danke für diesen interessanten Artikel, Mario.
    Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, wenn die Transportbranche auf autonom umgestellt würde und zusätzlich die LKWs verstärkt nachts fahren würden. Weniger Staus auf den Autobahnen, keine Zwangspausen mehr nötig, somit auch keine überfüllten Rastplätze, weniger Unfälle…ein Traum!?

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