Deutsche Innovationsprobleme erklärt anhand von Porsche und Tesla

Deutsche Automobilhersteller stehen seit einiger Zeit unter Druck, und zwar von ungewohnter Seite. Nicht die üblichen Mitbewerber setzen ihnen zu, sondern Neueinsteiger, die mit voller Kriegskasse und Ideen Märkte überrollen und traditionelle Konzepte alt aussehen lassen sind es.

Die jüngste Ankündigung von Porsche bis Ende des Jahrzehnts einen elektrisch betriebenen Viersitzer anzubieten, zeigt unter welchem Zugzwang Porsche steht. Porsche hat angekündigt €700 Millionen im Stammsitz Zuffenhausen zu investieren um die Produktion vorzubereiten. Sieht man auf die Leistungskennzahlen, die der reine Elektro-Porsche bringen soll, dann klingen sie auf den ersten Blick überzeugend. Das Fahrzeug soll eine Reichweite mit einer Batterieladung von 500 Kilometern haben, die Elektromotoren sollen eine Leistung von 440 kw / 600 PS und damit in unter 3,5 Sekunden von 0 auf 100km/h beschleunigen können. Und die Batterie soll mit eigenen Ladestationen bereits nach 15 Minuten wieder auf 80% der Ladung sein.

Klingt alles toll, wenn es da nicht einen klitzekleinen Dämpfer in der euphorischen Ankündigung gäbe. Tesla bietet das mit seinem Model S nicht nur schon heute an, sondern übertrifft diese Leistungskennzahlen. Das Tesla Model S 85D hat eine Reichweite von 528 Kilometern. Das Model S beschleunigt von 0 auf 100 km/h in 3,1 oder sogar 2,8 Sekunden, abhängig von der Modellausstattung. Bedenkt man, dass Teslas Fahrzeuge bereits seit fünf Jahren auf dem Markt sind und kontinuierlich Neuerungen auf den Markt gebracht wurden – und das selbst bei bereits ausgelieferten Fahrzeugen wie man beim semi-autonomen Fahrmodus sehen konnte, der durch einen Over-the-air-Softwareupdate auf einen Schlag 10.000 Teslas diese Funktionalität ermöglichte – dann kann erwartet werden, dass bis Ende des Jahrzehnts Tesla weitere Verbesserungen auf den Markt gebracht haben wird.

Wie kämpfen nun deutschen Autohersteller gegen Tesla & Co? Indem sie eigene und vielleicht sogar bessere Fahrzeuge auf den Markt bringen? Nein, sie verwenden mit tatkräftiger Unterstützung von Behörden und Energieanbietern jede Menge an schmutzigen Tricks.

Warum nun ist Porsche (und auch BMW, Volkswagen und Daimler) in den technologischen Entwicklungen auf einmal Nachzügler? In seinem ureigensten Feld von Sportwagen? Noch dazu von Unternehmen, die bis dato nichts mit Automobilbau zu tun hatten?

Das hat einiges mit Unternehmenskultur zu tun und mit Inertia in Unternehmen.

Zuerst zur Unternehmenskultur. Der damalige Porsche-Vorstandschef (und nunmehrige Volkswagen-Vorstandsvorsitzende) Matthias Müller bezeichnete dem ‚auto motor und sport’-Magazin gegenüber eine andere Innovation – autonome Fahrzeuge – als ‚Hype‘ und drückte sein Unbehagen aus wer in solch einem Fahrzeug eigentlich die Entscheidung trifft. „Ich frage mich immer“, sagte er, „wie ein Programmierer mit seiner Arbeit entscheiden können soll, ob ein autonom fahrendes Auto im Zweifelsfall nach rechts in den Lkw schießt oder nach links in einen Kleinwagen.“

Das ist eine teilweise verständliche Reaktion des Chefs eines Sportwagenherstellers. Der Spaß an einem Sportwagen liegt vor allem daran ihn selbst zu steuern. Damit sieht Porsche seine Felle davon schwimmen, wenn von Menschen gelenkte Fahrzeuge immer mehr zurück gedrängt werden. Die Reaktion von Matthias Müller ist aber auch ein Signal an die eigenen Mitarbeiter, das in seiner Problematik nicht unterschätzt werden kann. Es signalisiert, dass Innovation in disruptive Technologien vom Chef öffentlich lächerlich gemacht wird. Jeder der sich da etwas traut, setzt sich der Gefahr aus, seine Karriere zu ruinieren. Damit wird keiner wagen, Vorschläge zu machen die Porsche als Firma von innerhalb kommend verändern werden. Wenn man das nicht selbst kontrolliert, dann lässt man sich von außen überraschen.

Bessere und ehrlichere Fragen die Matthias Müller hätte stellen sollen wären gewesen „Wie sieht ein selbstfahrender Sportwagen aus?“ und „Was macht einen Sportwagen zu einem Sportwagen?“ Hätte er Fragen dieser Art schon früher gestellt, dann wäre bereits eine Lösung für „Wie sieht ein Porsche aus, wenn wir keinen Benzinmotor mehr drin haben?“ vorhanden, und man müsste der Konkurrenz wie Tesla nicht das Feld überlassen mit einem elektrisch angetriebenen Fahrzeug, das die ureigenen Leistungsdaten in den Schatten stellt.

In Unternehmen kommt dann noch eine gewisse Trägheit hinzu. Nicht die Trägheit dass gar nichts getan wird, sondern dass nichts Disruptives angepackt wird.

Von CEOs wird nicht erwartet, dass sie den Status Quo in Frage stellen. Es wird oft sogar erwartet, dass sie keine Fragen stellen, sondern die Antworten haben. Die eigene Strategie in Frage stellen schafft Verunsicherung bei den Mitarbeitern, bei den Aktionären, bei den Kunden und beim Aufsichtsrat. Ähnliches gilt für Mitarbeiter. Sie sollen ausführen, produktiv sein, und zum Profit beitragen. Das Management ist angewiesen und geschult darauf, auszuführen und zu skalieren. Das können sie auch sehr gut. Die Produktion wird verbessert, mehr Autos produziert, und effizienter gearbeitet. Dabei wird man in seinem Fachbereich besser und optimiert alle Prozesse und Produkte. Hin und wieder kommt eine Innovation hinzu, die ergänzt, aber nicht gefährdet. Airbag, Sicherheitsgurt, und connected car sind ein paar dieser Verbesserungen, die das Gesamtprodukt nicht umwälzen und das Produkt in Frage stellen.

Disruptive Innovation wie sie mit einem Elektrofahrzeug daher kommt macht viele dieser vergangenen Anstrengungen überflüssig. Benzin- und Dieselmotoren werden nicht mehr gebraucht, und damit auch nicht mehr die Leute mit dem Wissen und Fähigkeiten drumherum. Auspuffanlagen, Getriebe, und Benzinzufuhr werden alle hinfällig. Stattdessen braucht man Batterie- und Softwareexperten, eine Netzwerk an Ladestationen, einen völlig neuen Fahrzeugrahmen und einiges mehr. Das sind große Anstrengungen, und das Wissen dazu muss neu aufgebaut werden. Und es ist nicht sicher, dass diese Änderungen zum Erfolg führen werden. Es wird Unsicherheit geschaffen, es wird nicht planbar, und das ist ein Risiko das man in Unternehmen nicht eingehen will.

Gleichzeitig werden die nun überflüssig gewordenen und bis dato sehr wichtigen und mächtigen Abteilungen gemeinsam mit dem Betriebsrat versuchen ihre Machtposition und Arbeitsplätze zu behalten. Dieser interne Kampf kostet Energie, die Änderungen hinauszögert, während Tesla damit nicht konfrontiert ist und sich auf neue Modelle und Verbesserung der bestehenden konzentrieren kann.

Der Volkswagenskandal zeigt drastisch, wie diese beiden Elemente – Unternehmenskultur und Inertia – zu einem moralischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch des Unternehmens geführt haben. Daimler, BMW und Opel stehen vor einer ähnlichen Situation wie Porsche. Und Tesla ist gerade mal ein neuer Konkurrent von vielen. Vor den Toren scharren bereits Google, Apple, Uber und viele weitere kleine neue Hersteller, die teilweise mit prall gefüllten Kriegskassen die bestehenden Technologien und Geschäftsmodelle in der Automobilbranche umstürzen werden.

Was kann Porsche machen? Es wird sehr schwer werden, aber wenn Porsche eine kleine Chance haben will, dann muss sich das Unternehmen entweder mit einem anderen innovativen Hersteller zusammentun, Demut üben und lernen, oder gleich die Mission E-Abteilung aus dem Unternehmen auslagern und ohne Einfluss des Stammhauses arbeiten lassen.

Hier eine Ergänzung zum Thema und zugleich ein Auszug aus meinem Anfang 2016 erschienenem Buch Das Silicon-Valley-Mindset:

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Das Silicon-Valley-Mindset.

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