Waymo: 14,4 Millionen Kilometer und ein Technologievorsprung von Jahren

Ein neuer Monat, ein neuer Meilenstein für Waymo, Googles Selbstfahrtechnologie-Gruppe. Neun Millionen Meilen (14,4 Millionen Kilometer) in autonomen Modus haben die Autos nun erreicht, bei einer aktuellen Rate von 40.000 Kilometer am Tag. Das einzige Unternehmen, das nur irgendwie nahe kam, war Uber mit 3 Millionen Kilometer. Aber die haben seit März ihre Anstrengungen (vorübergehend) eingestellt. Und die anderen Unternehmen? Alle zusammen vermutlich knapp um die 1 Million Kilometer.

Natürlich ist Quantität kein Zeichen von Qualität, aber um Sinn aus all den gefahrenen Kilometern zu machen, müssen die Ingenieure den Autos Aufgaben geben. Und die einfache Tatsache, dass die Autos jeden Tag gar so viele Kilometer fahren ist ein Zeichen, dass die Ingenieure mit immer neuen Szenarien hochkommen. Ein Anzeichen für steigende Qualität der Technologie.

Lebt man in Mountain View in Kalifornien oder Chandler in Arizona, so sieht man Waymo Fahrzeuge überall fleißig ihre Runden drehen. Hier ist ein mehrminütiges Video von Begegnungen, die ich im August mit den Waymo-Fahrzeugen hatte. Darunter auch solche Momente, wo zwei oder drei Waymo Fahrzeuge an derselben Kreuzung gleichzeitig auftauchen. Und das sind nur diejenige, wo ich die Kamera bereit gehalten hatte.

Bei einigen Momenten war auch gut zu erkennen, wie das Fahrzeug die Situation erfasst. Hier ein Beispiel an der Ampel, wo das Fahrzeuge rechts abbiegen will. Es ist grün für das Fahrzeug und die Fußgänger, und das Fahrzeug zögert, weil es anhand der Richtung in die die Gesichter der zwei Frauen, schauen zu verstehen versucht, was deren Absicht ist. Die beiden Frauen plaudern und stehen, das Fahrzeug zögert, entscheidet dann, dass die Frauen nicht losgehen wollen, und macht sein Fahrmanöver.

Sieht unspektakulär aus, erklärt aber die Kritik, die in den letzten Tagen in den Medien verbreitet wurde. Die Fortschritte und die erhöhten Aufmerksamkeit in den Medien bringen erwarteterweise auch kritische Artikel. So machten Berichte von Anrainer in Chandler, einem Vorort von Phönix, wo Waymo seine Robotertaxiflotte mit Passagieren testet, die Runde. Und im ersten Moment hört sich das so an, als ob trotz all des Aufwands, die selbstfahrenden Autos von Waymo noch immer ziemlich dämlich unterwegs sind.

Eine Bewohnerin echauffierte sich über ein erratisches Verhalten der Autos, die grundlos mitten auf der Kreuzung stoppen würden, und weil es eben unerwartet gewesen war, sie beinahe in das Waymo-Auto reingefahren wäre. Bei genauerer Untersuchung stellt sich aber heraus, dass die Situation doch anders ist als dargestellt. Die aufgebrachte Anwohnerin selbst war durch ihr aggressives Fahren eine Gefährdung gewesen und hatte das vorsichtige Waymo-Auto zu einem Stopp veranlasst.

Waymo_Intersection_01

Im oberen Bild sieht man die Kreuzung, die in dem kritischen Artikel von der Anwohnerin ‚Lisa Hargis‘ erwähnt wird. Rechtsabbiegen hier ist nicht das Problem, Linksabbiegen schon schwieriger, weil ja auch die richtigen Lücken im Kreuzverkehr gefunden werden muss.

In konkreten Fall aber sah Lisa das Waymo-Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn, welches dabei war rechts abzubiegen. Lisa wollte in dieselbe Straße nach links abbiegen.

Waymo_Intersection_02

Allerdings fuhr sie für das Waymo-Fahrzeug zu aggressiv in die Kreuzung ein und setzte zum Linksabbiegen an, sodass das Waymo-Fahrzeug eine Kollision voraussagte. Wie wir es von vorsichtigen und sicheren autonomen Autos erwarten stoppte es, um eine Kollision zu vermeiden.

Waymo_Intersection_03

Man kann dem Waymo-Fahrzeug nun vorwerfen, die Situation nicht richtig abgeschätzt zu haben oder zu zögerlich zu fahren und doch eher menschliches Fahrverhalten emulieren. Doch dieselben Kritiker sind die ersten, die autonome Autos als supersicher sehen wollen und vor Gericht ziehen, wenn es zu einem Unfall kommt.

Dabei sind die überwiegende Mehrzahl der Unfälle, die mit selbstfahrenden Autos passierten, Schuld der anderen Verkehrsteilnehmer. Online-Blog Axios präsentierte eine Aufstellung der bisherigen Unfälle und es bestätigt sich, was wir schon immer vermutet haben: Menschen sind die schlechteren Autofahrer.

Autonomous_car_Accidents.png
Unfälle mit Beteiligung autonomer Autos in Kalifornien zwischen 2014 und 2018

Im autonomen Modus wurden während der Fahrt 38 autonome Autos von anderen angefahren, nur einmal war das autonome Auto schuld. Im Stand waren autonome Autos 24 mal in eine Kollision verwickelt, kein einziges Mal war das autonome Auto daran schuld. im konventionellen – sprich: von Menschen gesteuert – waren autonome Autos. Zu beachten ist, dass die überwiegende Mehrheit der Kollisionen während des Fahrens bei geringen Geschwindigkeiten passierte, typischerweise zwischen 10 und 20 km/h.

Nicht alles ist damit eitel Wonne. Es gibt eine ganze Reihe von offenen Baustellen in der Entwicklung von autonomen Autos. Chandler und Mountain View sind sicherlich ideale Testgegenden mit vorwiegend Sonnenschein, seltenem Regenfall, kein Schnee, relativ gute Straßen, nicht zu dichter aber doch nicht zu wenig Verkehr, verhältnismäßig einfache Straßenmuster, und eine sehr Technologie-interessierte Bevölkerung.

Hinzu kommt, dass viele Autofahrer und Fußgänger Verkehrsregeln missachten und autonome Autos darauf programmiert werden müssen, die Fehler anderer Verkehrsteilnehmer vorherzusehen und zu kompensieren. Nicht nur Menschen, sondern auch andere Lebewesen machen den Autos – egal ob ein Mensch oder Computer am Steuer sitzt – schwer. Wie hier Hühner:

Oder eine Oma im Rollstuhl die mitten auf der Straße im Kreis fährt und eine Ente verscheucht.

Klar, das sind Situationen, die man im Labor nicht vorhersehen kann. Und von solchen Situationen gibt es Millionen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Autos in der Wirklichkeit getestet werden und viele viele Millionen Kilometer abfahren. Je mehr Autos auf den Straßen testen, desto rascher erfasst man viele der Szenarien, desto rascher werden die Autos besser. Alle Situationen werden nämlich mit allen Fahrzeugen in der Flotte geteilt.

Die nächsten Schritte kommen in Gegenden, wo Wetterbedingungen weniger vorteilhaft sind, wo es also häufig regnet oder schneit, wo sich Straßenbedingungen stärker unterscheiden inklusive Kopfsteinpflaster, engen europäischen Straßen, die landesspezifischen Verkehrs- und Straßenbedingungen, wo unterschiedliche Verkehrsregeln herrschen, Menschen sich anders im Verkehr verhalten und auch mal außerhalb befestigter Straßen fahren wollen, wie auf Forst- und Feldwegen.

Trotzdem muss man mal beginnen und zumindest 56 Unternehmen haben heute in Kalifornien eine Testlizenz, die daran arbeiten. Waymo ist dabei allen anderen Lichtjahre voraus. All diese Unternehmen sollten wir unterstützen, denn – um wieder auf die eingangs erwähnte Kritik zurück zu kommen – ich habe lieber vorsichtige und zögerliche autonome Autos, die sich um mich sicher verhalten, als aggressive Fahrer wie Lisa, die mich und andere gefährden. 40.000 Verkehrstote im Jahr in den USA oder 3.500 Tote in Deutschland sind meiner Meinung nach nicht akzeptabel.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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