Was uns die Brüder Wright zu autonomen Autos lehren

Der Beginn der Ära von fahrerlosen Autos, in die wir im Oktober 2019 eingetreten sind, markiert einen neuen Zeitabschnitt. Noch ist nur wenigen klar, wie signifikant dieses Jahr werden wird, aber es wird in Geschichtsbüchern als der Beginn der Post-Fahrerlosen Zeit eingetragen sein.

Die Zeitgenossen allerdings tendieren dazu, solche Momente entweder zu verpassen, oder wenn sie selbst Augenzeuge geworden waren, als irrelevant herunterzuspielen. Das Video, das am 26. Oktober gepostet wurde, und seither die Enthusiasten begeistert, ist im ersten Moment mal wenig spektakulär. Man sieht einen Waymo One Minivan durch eine ruhige Nachbarschaft in Chandler, einem Vorort von Phönix in Arizona, fahren. Im Hintergrund hört man die Stimme der Person, die das Video macht und dem Waymo One hinterher fährt. Der Verfolger macht einige illegale Manöver, um eines zu zeigen: in dem Waymo One sitzt niemand. Weder am Steuer, noch auf den Passagiersitzen. Und das Waymo lässt sich nicht davon beirren, und fährt zügig und sicher durch die Nachbarschaft.

Kaum war das Video aufgetaucht, schon formulierten die Skeptiker ihre Kritik. „Wer sagt, dass da nicht jemand das Auto fernlenkt?“ oder „Das ist ja einfach, dort ist kein Verkehr.“ oder „Das Auto fährt sicherlich nur eine ganz genau fest vorgegebene Route. Keine Kunst!“ oder „Sobald da Schnee oder Regen ist, steht das Auto!“

Ähnliche Formulierungen kommen auch bei anderen Technologien, wie beispielsweise Elektroautos. Seit Jahren wird auf Teslas Fortschritte und Erfolge immer mit ähnlichen Argumenten erwidert. Dabei können wir anhand von historischen Analogien sehr gut zeigen, wo solche Durchbrüche hinführen.

Ein Beispiel sind Orville und Wilbur Wright, die 1905 den ersten motorisierten Flug im abgeschiedenen Kitty Hawk absolvierten. Auch ihnen glaubte niemand, ja sie wurden von manchen Zeitgenossen, wie beispielsweise dem Präsidenten des französischen Aeronautic-Club, Ernest Archdeacon, aufs Übelste beschimpft und lächerlich gemacht. Interessant ist für uns weniger, dass sie 1905 den ersten Flug schafften, sondern was in Folge danach geschah. 1906 und 1907 absolvierten sie keinen Flug, weil sie mit der Patentierung ihres Flugapparates und der Steuerung beschäftigt waren. Diese stellte sich nämlich von extremer Wichtigkeit dar. Erst die Steuerung erlaubte beliebige Flugrichtungen und Flughöhen.

Am 8. August 1908 war es dann soweit. Wilbur Wright führte in Le Mans in Frankreich seinen Flugapparat einer breiteren Öffentlichkeit vor. Bis zum Jahresende verbesserte er die Flüge, flog höher und länger vor immer größeren Publikum, das aus allen Gegend Frankreichs kam, um den Flugdemonstrationen beizuwohnen. Zur selben Zeit, im September 1908, war Orville Wright in Virginia damit beschäftigt, mit dem zweiten Flugapparat dem amerikanischen Militär und der dortigen Öffentlichkeit Flugdemonstrationen zu geben.

Man beachte: 1908 war das erste Jahr, wo eine breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht worden war, dass der Mensch zu einem motorisierten und steuerbaren Flug fähig war.

Ein Jahr später, vom 22. bis 29. August 1909, gab es die erste Große Flugwoche in Reims in der Champagne. Gleich 38 Flugzeuge wurden angemeldet, von denen 23 auch tatsächlich von ebenso vielen Piloten geflogen wurden. Nochmals: 1908 gab es ganze zwei Flugzeuge, die fliegen demonstrierten. Weniger als ein Jahr später gab es 38 Flugzeuge, von denen 23 flogen.

Eines ist klar: diese Flugapparate waren in ihrer Tauglichkeit ziemlich beschränkt. Sie konnten vor allem bei schönem, windstillen Wetter fliegen. Sie konnten nicht im Nebel oder in der Dunkelheit starten oder landen. Sie waren äußerst wackelige Gerüste. Eine Überquerung des Ozeans kam nicht in Frage, ihre Geschwindigkeit war für heutige Zeit sehr gemütlich, und Höhen von 10.000 Meter ebenso wenig erreichbar. Auf Flugzeugträgern konnten sie auch nicht landen (die gab es ja gar nicht), und Lasten bis auf die Piloten und maximal einen Passagier auch nicht mit sich schleppen.

Doch wenige Jahre später waren Flugzeug bereits im ersten Weltkrieg im Einsatz, Post wurde damit transportiert, und 30 Jahre später waren Flugzeuge unentbehrliche metallene Vögel, die uns hundert Jahre später als völlig normales und günstiges Transportmittel erscheinen.

Und so wie bei Flugzeugen wird es mit fahrerlosen Autos sein. Sobald ein Durchbruch gelungen ist und wir Technologie verstanden haben, wird sie kopiert und viele neue Entrepreneure nehmen sich dieser an. Die Adoptionsrate – also die Geschwindigkeit mit der Technologien von Anwendern akzeptiert und verwendet werden – ähnelt einer S-Kurve.

Technologieadoptionsraten für US-Haushalte von 1890-2019
Quelle: https://www.visualcapitalist.com/rising-speed-technological-adoption/

Es handelt sich um keinen linearen Anstieg, sondern um einen exponentiellen. Menschen verstehen nicht so einfach, wie sich dieser auswirkt und mit welcher Kraft er kommt, und wird deshalb oft unterschätzt und kleingeredet.

Mit autonomen Autos und dem Durchbruch vom Oktober 2019 werden wir dasselbe erleben. Die nächsten Monate und Jahre wird es noch Kritiker geben, die es nicht wahrhaben wollen, und dann von den Tatsachen überrollt werden.

Ernest Archdeacon, der vehementeste Kritiker der Wright-Brüder, musste 1908, nachdem er selbst Augenzeuge der Flüge geworden war, zugeben, dass er ihnen Ungerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Wir werden das Gleiche beim autonomen Fahren erleben, das wird wie das Amen nach dem Gebet kommen.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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