Retail und autonome Autos: Eine im Himmel geschlossene Ehe?

Viel wird spekuliert, wie autonome Autos Mobilität, öffentlichen Verkehr und Städte im Allgemeinen beeinflussen werden. Während manche davon schwärmen, dass Staus verschwinden werden, Parkplätze für andere Zwecke zum Einsatz kommen können, weil selbstfahrende Autos mehr herumfahren werden und nicht mehr parken müssen, sind andere weniger optimistisch. Sie glauben, dass mehr und längere Strecken gefahren werden, weil man nicht mehr selbst lenken muss und es zu stärkerer Zersiedlung kommen wird.

Worin die meisten übereinstimmen, sind die geringeren Kosten, die Benutzer in Zukunft für Mobilität ausgeben müssen. Die jährlichen Kosten für ein eigenes Auto belaufen sich im Durchschnitt auf 5.600 Euro. Darunter fallen Treibstoffkosten, Service, Versicherung, und sonstige Gebühren. Das kommt bei durchschnittlichen jährlichen Fahrleistungen auf ca. 70 Cent pro Meile. Ein Uber kostet mit 2 Dollar pro Meile fast das Dreifache. Mit autonomen Autos werden die Kosten auf geschätzte 25 Cent pro Meile fallen. Insgesamt erwarten Experten eine Kostenersparnis von 9- bis 90 Prozent für die Benutzer pro Meile.

Die Kosteneinsparungen kommen durch den Wegfall an Fahrerkosten zustande, die 50 Prozent ausmachen. Dann die Treibstoff-sparendere Fahrweise, die weiter 10 bis 20 Prozent abziehen, und die stärkere Verwendung von diesen Fahrzeugen, die Anschaffungskosten besser amortisieren. Zählt man noch hinzu, dass Robotertaxi ohnehin nur elektrisch betrieben werden, dann fallen da nochmals 75 Prozent der Treibstoffkosten im Vergleich zu einem Benziner oder Diesel weg.

Nun gibt es aber Industrieexperten wie Voyage-CEO Oliver Cameron, die eine Reduktion der Kosten pro Meile von 100 Prozent vorhersagen, und erwarten, dass Mobilität für Konsumenten nichts mehr kosten wird. Bislang wurde diese Aussage belächelt, und die Argumente dafür verworfen.

Doch jetzt trifft genau dieses Modell zum ersten Mal zu. Waymo und Walmart haben eine Partnerschaft bekannt gegeben, bei denen eigene Stellplätze für Waymo-Fahrzeuge vor Walmartgeschäften freigemacht worden sind. Dort können Waymo-Passagiere, die bislang in Chandler, einem Vorort von Phönix, an einem Early-Rider-Programm autonome Autos ausprobieren, vorfahren und sich ihre Online-Einkäufe einladen lassen.

Walmart_Waymo.jpg
Foto gepostet von Imgur-Benutzer u/Logvin

Was hier besonders interessant scheint ist die Tatsache, dass Walmart Waymo dafür bezahlt, dass die Waymo-Autos dort vorfahren dürfen. Walmart bezahlt den Transportdienstleister, dass Passagiere zum Geschäft kommen.

Dieses Modell stellt nur der Beginn dar. Kinozentren, Shopping Malls, Einkaufsstraßen, Vergnügungsparkbetreiber, Restaurants, Konzertveranstalter, Kliniken, Apotheken oder Krankenversicherungen könnten Kunden autonome Autos schicken und sie abholen. Die Kunden zahlen dafür keinen Cent, weil die Ladeninhaber davon ausgehen, dass die Ausgaben durch Umwegrentabilität wieder hereinkommen. Die Kunden geben ihr Geld eben im Laden oder Kino aus.

Das erklärt auch die erstaunliche Aussage von Waymo-CEO John Krafcik, dass Waymo dieses Jahr bereits Einkünfte haben wird. Bislang hat Google Milliarden für die Entwicklung der Technologie ausgegeben. Mit unterschiedlichen Klassen von Fahrzeugen könnten sich dann Marken und Brands differenzieren. Familienautos holen Kunden für Walmart ab, während Hermés oder Louis Vuitton vielleicht mit Jaguars ihre Kunden abholen.

Weitere positive Effekte könnten sich aus der Freiwerdung von Parkplätzen ergeben, die anderen Verwendungszwecken zugeführt werden können. Und Parkplätze gibt es viele, eigentlich viel zu viele, wie wir schon beschrieben haben.

Negative Auswirkungen könnte solch ein Modell durch die Umlegung der „Heizdeckenverkaufsfahrten“ werden, oder die Schaffung einer Mehrklassengesellschaft, wo Privilegiertere Zugang zu Premiumtaxis haben und Shopping Malls auf diese Weise den Zugang zu ihren Geschäften regulieren könnten.

Bevor wir allerdings zu voreiligen Schlüssen kommen, müssen wir zuerst sehen, wie das Walmart-Waymo-Modell in der Praxis funktioniert.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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