Wenn der Diesel zweimal klingelt

Drei Jahre lang ist wenig passiert, nicht mal viel an Strafzahlungen in Deutschland und mit Ausnahme vom in Untersuchungshaft sitzenden Ex-Audi-CEO ist sonst niemand wirklich zur Verantwortung gezogen worden. Und nach viel Gemauschel und politischem Kuhhandel kommt als Ergebnis des kreisenden Dieselgipfels eine Maus zum Vorschein.

Der ‚Kompromiss‘

Ein erster Blick mag den Eindruck vermitteln, da wurde etwas getan, das (teilweise) Sinn macht. Ein genauer Blick zeigt uns, dass für private Kunden die zwei Optionen in Wirklichkeit nur eine Option sein werden.

Die erste Option ist, dass bestimmte ältere Dieselmodelle, die die Abgasstandards nicht schaffen, sich einer Hardware-Nachrüstung unterziehen können, die vom Hersteller zu bezahlen ist. Dabei sollen die SCR-Katalysatoren die mittels Harnstofflösung Stickoxide reduzieren. Für neuere Dieselmodelle (sogenannte Euro 5) sollen auch zusätzliche Abgasreinigungstechniken angeboten werden.

Hier aber spießt es sich bereits: die Regierung wünscht sich die Kostenübernahme durch die Hersteller, diese scheinen sich zu zieren, und die Kostenübernahme ist nicht zwingend!

Die zweite Option besteht aus Umtauschprämien, die Autohersteller gewähren, wenn ein alter Diesel gegen einen neues Fahrzeug eingetauscht wird. Die Prämien variieren dabei je nach Hersteller zwischen 4.000 und 10.000 Euro.

Eine dritte Option gibt es für bestimmte Städte und Gemeinden, wo ein Fahrverbot unmittelbar bevorsteht. Kosten für die Nachrüstung kommunaler Fahrzeuge (Müllabfuhr etc.), Taxis und Lieferwagen wird vom Bund – also dem Steuerzahler – übernommen.

Cui bono?

Der Kompromiss ist so geschaffen, dass er die Autohersteller nicht etwa dazu motiviert, vermehrt Elektroautos anzubieten. Nein, die haben sie ja gar nicht im Angebot. Die erste Option ist eine, bei der für die Autohersteller Kosten anfallen, und die nicht wirklich gewollt ist. Die Autobesitzer werden so und so auf den Kosten sitzen bleiben. Entweder sie rüsten nach und müssen für einen Teil oder alles aus eigener Tasche aufkommen, oder sie machen keine Nachrüstung, und kriegen die Betriebsgenehmigung entzogen.

Dort wo die Augen der Hersteller glänzen ist die zweite Option mit der Umtauschprämie. Ein bisschen ein Nachlass für einen Umtausch, und keine Sorge, die Modelle die zur Auswahl stehen, werden schon entsprechend kalkuliert, dass da kein Verlust entsteht. So klingelt es mit dem Dieselskandal in der Kassa gleich zweimal: einmal als man die Betrugsautos verkauft hat, und jetzt, wo die Kunden das Betrugsauto zurückgeben und ein neues Auto kaufen müssen.

Kalifornien – Electrify America

Ein Blick nach Kalifornien zeigt uns wie man es richtig macht, und wie alle davon profitieren, selbst die Hersteller. Nach dem Dieselskandal wurde dort VW verdonnert, zwei Milliarden Dollar in das Programm Electrify America zu stecken und an fast eintausend Standorten USA-weit Ladestationen (mit CCS, CHAdeMO und J1772 Anschlüssen) für Elektroautos aufzustellen und für alle Elektroautos, nicht nur für die von VW, zugänglich zu machen.

Eine bessere Ladeinfrastruktur treibt klarerweise den Verkauf von Elektroautos an, und wie man sieht, profitiert auch VW davon. Die Vorstellung des Audi e-tron in San Francisco machte damit Werbung, dass dieses Auto selbstverständlich auf diese Ladeinfrastruktur zurückgreifen kann.

State Capture

Betrachtet man das Ergebnis, wird man den Eindruck nicht los, es ging beim Dieselgipfel überhaupt nicht darum, den betrogenen Kunden zu helfen, sondern den Herstellern ja nicht zu viel weh zu tun.

Dazu gibt es im englischsprachigen Raum einen zutreffenden Begriff: State Capture. Dabei handelt es sich um eine Art von systemischer politischer Korruption. Dabei werden private Interessen eines finanzstarken und einflussreichen Spielers den Interessen der Allgemeinheit übergeordnet. Die deutsche Automobilindustrie ist so mächtig und mit der Politik verfilzt, dass sie Gesetze für sich geschrieben kriegt und Politiker und Behörden nach ihrer Pfeife tanzen. Wie Kinder, denen die Eltern alles gewähren, letztendlich ihnen auf der Nase herumtanzen werden, so geschah es hier.

Die Drehtüren zwischen politischem Job und gut bezahlten Job in der Autoindustrie sind gut geölt. Das ging solange ohne Probleme für die beiden, solange business-as-usual möglich war. Doch die Situation ändert sich. Neue Technologien und Wettbewerber aus USA und China bringen die deutschen Hersteller unter massiven Druck.

Die Anzeichen sind bereits da. Im August brachen die Verkaufszahlen deutscher Hersteller in den USA um 23 Prozent ein. Und nach dem Rekordmonat August in Deutschland, treffen Verkaufseinbrüche von 30 Prozent im September dank des neuen WLTP-Standards die deutschen Autobauer ganz massiv.

Winston Churchill sagte einmal „Verschwende keine gute Krise„.

Damit meinte er, dass eine Krise die Chance auf einen radikalen Neubeginn erlaubt. Drei Jahre nach der Aufdeckung des Dieselskandals können wir nur sagen, dass wir diese verschwendet haben. Es wird so weitergewurstelt wie bisher.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

2 Kommentare

  1. State Capture gibt es doch in den USA genauso, nur freuen die sich natürlich den deutschen Herstellern eine reinzuwürgen, ist ja auch Trumps No.1 Hobby zzt.

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