„Wir haben verstanden, warum Tesla gewinnen wird.“

Fat Bus 2016

Eine Gruppe an Studenten zweier norddeutscher Universitäten hatte bereits drei Tage im Silicon Valley verbracht und fleißig Besuche bei Start-ups, Vordenkern und bekannten Internet-Unternehmen gemacht. Zu den Begegnungen zählten auch der Besuch bei deutschen Automobilherstellern, die im Silicon Valley sogenannte Innovation Outposts betreiben, und bei Tesla. Und dann ließen sie mir gegenüber diesen Satz fallen:

„Wir haben verstanden, warum Tesla gewinnen wird.“

Was hatte sie dazu veranlasst? Die Begegnungen der Studenten hatten mit vielen deutschen, im Silicon Valley lebenden Expatriates stattgefunden. Dabei stachen zwei Erkenntnisse für die Studenten besonders hervor. Erstens, dass jeder einzelne der deutschen Expatriates sich nicht mehr vorstellen konnte nach Deutschland zurückzuziehen. Zweitens, dass den Studenten bewusst wurde, warum deutsche Automobilhersteller keine Chance gegen Tesla haben werden.

Der Grund, dass jeder der deutschen Kontakte sich nicht vorstellen konnte in die Heimat zurück zu kehren wurde vor allem mit der Mentalität der eigenen Landsleute begründet. Zu negativ sei die Grundhaltung zu neuen Ideen, zu risikoavers das Verhalten, zu stark der Fokus auf die Gefahren bei allem was angepackt wird. Obwohl Deutschland zu den wohlhabendsten und sichersten Ländern der Welt zählt, den Fußballweltmeister stellt, wunderschön ist und die Bevölkerung emsig und fleißig, all das zählt nichts wenn das Streben nach Höherem als Größenwahn angesehen wird.

Speziell kam das für die Studentengruppe in zwei gegensätzlichen Treffen auf den Punkt. Die Studenten, die ihre Praktikantensporen teilweise bei Automobilherstellern in Deutschland verdient hatten trafen auf deren Innovation Outposts im Silicon Valley. Und erlebten, dass beim Betreten der Gebäude sie eine Art Schleier überzog. Weg war das Silicon Valley, deutsche Kultur mit all seinen guten und schlechten Seiten dominierte. So als ob man Deutschland gar nicht verlassen, sondern die Kultur einfach herüber verpflanzt hatte.

Man war zwar körperlich hier, aber geistig in Deutschland geblieben. Genau so waren die Ansichten wie sich die Automobilindustrie weiter entwickeln würde. Dem Verbrenner wurde eine lange Zukunft vorher gesagt, dem Glauben dass die Menschen nach wie vor einer deutschen Automobilmarke die Treue halten würden, und dass man ja bereits alles fertig in den Schubladen habe und locker die technologische Führerschaft behalten oder in Teilbereichen wieder einholen werde.

Ganz anders hingegen verlief das Gespräch mit einem Tesla-Ingenieur. Einem deutschen Tesla-Ingenieur. Dieser sprühte vor Energie und dem Glauben an seine Mission. „Mein großes Ziel ist, dass das Model 3 nächstes Jahr wirklich zu den Kunden kommt.“ Und dafür war er bereit 80 Stunden pro Woche zu arbeiten. Er glaubte daran. Er war auf der Mission die Welt von fossilen Brennstoffen zu befreien. Und wenn man bei Tesla in Rufweite von Elon Musk seinen Bürotisch hat, dann ist die Motivation noch viel größer. Das nächste Kapitel der Automobilgeschichte, die sich abspielende Disruption ist unmittelbar greifbar. David greift Goliath an.

Etliche der Studenten hatten das Arbeitsleben bei deutschen Herstellern bereits hautnah in ihren Praktika erlebt. Freitag 13 Uhr war Feierabend, die Fertigung ruhte übers Wochenende. E-Mails nach 18 Uhr beantworten war verpönt und sogar technisch verhindert. Den Betriebsrat kümmert vor allem ob die Werksmitarbeiter nach wie vor ihr Gratis-T-Shirts zur Betriebskleidung kriegen. Und das Management fordert trotz gebautem Mist seinen Bonus.

Den Studenten fiel es spätestens da wie Schuppen vor die Augen. Deutsche Unternehmen waren zu fett durch ihre vergangenen Erfolge geworden, zu selbstzufrieden, zu geblendet von ihrer eigenen Hybris.

„Wir haben verstanden, warum Tesla gewinnen wird.“

Und diejenigen, die als externe Auftragnehmer dort Dienstleitungen geleistet hatten, konnten von ihren eigenen Erfahrungen der anderen Art berichten. Wie sie nach vollbrachter Dienstleistung, die zur Zufriedenheit der beauftragenden Manager ausgeführt worden waren, nochmals vom Einkauf mit subtilen Drohungen zu Preisnachlässen gezwungen wurden und trotz nachträglich gewährtem Rabatt trotzdem erst sechs Monaten nach Projektende ihr Geld am Konto sahen.

Der durch einen offensichtlich ähnlich behandelten Zulieferer von VW erzwungene Produktionsstillstand vor einigen Wochen zeigt, dass es sich um kein Einzelphänomen handelt. Kurzfristig kann das funktionieren, auf lange Sicht korrumpiert es das ganze System und Unternehmen.

Der trotzig zur Schau getragene Optimismus, dass man zwar vielleicht kurzfristig ins Hintertreffen, aber langfristig die Nummer 1 bleiben wird, wird von allen Herstellern Gebetsmühlenartig heruntergeleiert. So auch von Mercedes-Chef Zetsche der zu Jahresanfang auf der CES ein selbstfahrendes Auto ankündigte, und jetzt Elektrofahrzeuge in den Mittelpunkt stellt. Weder beim Einen, noch beim Anderen hat man bisher etwas vorzuzeigen. Deutsche Automobilbauer sind mittlerweile nur mehr zu Lachnummern fähige Ankündigungsweltmeister. Und gleichzeitig feiert man sich bei VW zu den Abgasverringerungserfolgen bei Diesel. Ist ja alles gar nicht so schlimm. Wir sind die Besten unter den Schlechten. Und übersteigen den Grenzwert ’nur‘ um das 1,8-fache. Wirklich?

Die zarten Triebe die man aufbaute sind zwischenzeitlich schon wieder zertreten worden. So verließen die Chefentwickler von BMWs elektrischer i-Serie die Bayern für einen chinesischen Hersteller. Die Entwickler der elektrischen LKWs bei Mercedes gingen zu Tesla. Es ist eben einfacher die Welt zu verändern, wenn man nicht die Entscheidung von 500 Leuten abwarten muss, sondern sie kurz und schmerzlos mit dem Chef abklärt.

Volkswagen wiederum muss schauen, wo es das Geld für die Strafzahlungen und Verkaufseinbrüche zusammenkratzt und holt sich das von den Töchtern. Wie eben von der Tochter Audi, die Milliarden Euro abknicken musste und der das Geld jetzt bei der Entwicklung von selbstfahrenden Fahrzeugen fehlt.

Und das kommt zusätzlich zum Zustand deutscher Hersteller, wo Investitionen in Innovation in den letzten Jahren vor allem Effizienz denn durch aufbauend wirkende getätigt wurden. Da hallt nur mehr schwach nach, dass Volkswagen einmal zum Unternehmen mit dem höchsten Forschungs- und Entwicklungsbudget gezählt hat, und dann für Schummelsoftware ausgab.

Für die Studenten war der Silicon-Valley-Besuch gleichzeitig inspirierend und ernüchternd. Was bedeutet das für sie selbst? Wohin geht es beruflich für sie? Und was bedeutet das für die Zukunft Deutschlands?

Eines schien klar: die deutsche Automobilindustrie hat eigentlich schon verloren. Und das wurde ihnen mit einer dramatischen Deutlichkeit vor Augen geführt. Der Goliath hatte eigentlich nie eine Chance gegen David. Und das trotz der besten Automobilingenieure der Welt.

15 Comments

    1. Lesenswert. Kann man erwarten dass Platzhirsche/OEM angesichts Disruption und Wettbewerbsdruck bei Elektromobilität sich selbst neu erfinden? Leider paaren sich bei uns Arroganz, Ignoranz und Lamoryanz. Und die Top Manager bei den OEMs bekommen bis zu 58 × höher als die Beschäftigten im Durchschnitt. Volkswagen ist auch hier Spitze!

      Was hält uns in Deutschland?
      Man lesen bitte Manager Magazin aktuell. In den USA nehmen die Superreichen und CEOs mehr Einfluss als ihnen zusteht politisch in einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Und…. Wer will unter Präsident Trump schon dort leben? Also: Einfluss nehmen in Deutschland. Seinen Traum hier leben und sich für eine nachhaltig digitalisierte Gesellschaft Europas und Deutschlands einsetzen. Es lohnt sich!

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  1. Wahre und deutliche Worte! Dennoch sehe ich nicht so schwarz für die deutsche Industrie. Amerika gelang mit dem Ford T als erste die Serienproduktion, wurde aber nachher rasch von den Europäern und Japanern ein- und überholt. Als Tesla-Fahrer begeistert mich mein Wagen seit 16Monaten und 43 tkm jeden Tag, die Antriebs-Technik ist hervorragend, aber der Rest des Auto’s muss man ehrlich als Mittelklasse bezeichnen. Es ist für mich verständlich, warum Tesla nicht von Beginn der Produktion eine anständige Fertigungsqualität errreicht hat – die Berufsausbildung in den Staaten ist katastrophal. Da sind nebst den Robotern keine Facharbeiter am werken, sondern Handlanger und Bastler. Weil Tesla (Musk) hier dem amerikanischen Grössenwahn erliegt, weil Musk nicht erkennt dass er in Europa ebenfalls einen Produktionsstandort aufbauen sollte (das Saab-Werk in Schweden mit hervorragend ausgebildetem Personal wäre eine Gelegenheit gewesen), aus diesem Grund wird Tesla in ein paar Jahren dasselbe Schicksal erleben wie Ford – sie werden überholt von Europa und Japan.

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  2. Danke für diesen Beitrag. Mich erinnert die Analyse der Einstellung in der deutschen Automobilwirtschaft stark an die Stimmung und Überheblichkeit bei Grundig, Loewe Opta, Motorola und Nokia. Die Mitarbeiter dieser Firmen haben alle ihren Job vor Jahren verloren.
    Warum wiederholen wir Deutschen immer unsere Fehler?

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  3. „Zu negativ sei die Grundhaltung zu neuen Ideen, zu risikoavers das Verhalten, zu stark der Fokus auf die Gefahren bei allem was angepackt wird.“
    …genau wie dieser Artikel.
    Grauenhaft!

    Auch wenn ein paar Dinge richtig beobachtet worden, der ganze Ton des Artikels besteht aus genau dem haltlos pessimistischen Gejammer, wie es von den genannten Expats oben bemängelt wird.

    Gruß aus den USA!

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