Wie realistisch ist das Verbot von Verbrennern bis 2030?

Straßenszene aus New York im Jahr 1900

Der Vorstoß der deutschen Bundesländer um ein Verbot von Verbrennungskraftfahrzeugen bis 2030 schlägt Wogen. Während die unter Stickoxid- und Feinstaubbelastungen leidenden Städte den Vorschlag begrüßen, wiegelt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt ab. In einer Stellungnahme erwartet er zwar die zunehmende Bedeutung von Elektromobilität, sieht das Ziel eines Verbotes von Benzin und Dieselautos ab 2030 aber als unrealistisch an.

Wie realistisch oder unrealistisch ist nun das Verbot von Verbrennungskraftfahrzeugen bis 2030?

Geschichte

Auch wenn ich keine genaue Vorhersage machen kann, so können wir doch historische Beispiele heranziehen und Rahmenbedingungen analysieren.

Das möglicherweise beeindruckendste Beispiel wie schnelle eine Technologieumstellung vor sich gehen kann stammt von der Jahrhundertwende, als Automobile Pferdekutschen ersetzten. Dazu sehen wir uns zwei Fotos an. Das erste ist aus dem Jahr 1900 aufgenommen auf der 5th Avenue. Man erkennt ein typisches Straßenbild mit Verkehr, der neben Fußgängern von Pferdekutschen dominiert wird. Tatsächlich tummelt sich ein Auto darunter. Wer genau hinsieht kann es fast genau in der Bildmitte erkennen, es fährt in die Richtung es Fotografen.

Straßenszene in New York im Jahr 1900
Straßenszene in New York auf der 5th Avenue im Jahr 1900

Das zweite Foto wurde gerade mal 13 Jahre später ebenfalls auf der 5th Avenue in New York aufgenommen und stellt das genaue Gegenteil des vorherigen Bildes dar. Statt Pferdekutschen sieht man nur mehr Autos. Und genau eine Kutsche die sich Mitte links verschämt versteckt.

Straßenszene in New York im Jahr 1913
Straßenszene in New York auf der 5th Avenue zu Ostern im Jahr 1913

Man beachte, dass dazwischen 13 Jahre lagen, genau der Zeitraum der heute von Ende 2016 bis 2030 liegen wird. Technisch gesehen ist so ein Umstieg von Pferde getriebenen Wagen mit all der benötigten Infrastruktur zu einer für Automobile durchaus möglich. Wie diese beiden Aufnahmen bestätigen, geschah das in der Vergangenheit schon mal.

Bedenkt man, dass der einzige Ort an dem Bertha Benz im Jahr 1885 Benzin erwerben konnte eine Apotheke war, dann sind wenige Jahre bis zu einer fast flächendeckenden Verfügbarkeit kein Argument dagegen.

Arbeitsplätze

Um den Widerstand der Autobauer und des Ministers zu verstehen, müssen wir uns einen anderen Sachverhalt ansehen, nämlich die der daran hängenden Arbeitsplätze. Heute sind bis zu einem Drittel der Beschäftigten in der Automobilindustrie um den Motor beschäftigt. Ein Achtzylindermotor selbst hat an die 1.200 Teile. Mit Getriebe, Abgas- und Tankanlage kommen wir auf 2.000. Das sind viele Teile für die jeweils jemand zuständig sein muss. Jeder Teil muss designt und entwickelt, eingebaut und gewartet werden.

Ein Elektromotor hingegen kommt auf gerade mal 20 (ja, zwanzig) Teile. Das heißt, dass man mit maximal einem Zehntel dieser Mitarbeiter auskommen wird.

Sieht man sich die Beschäftigtenzahlen nur bei den drei großen OEMs an, dann erkennt man die Auswirkungen die ein Umstieg vom Verbrenner auf Elektrofahrzeuge haben wird.

Beschäftigenzahlen
Beschäftigtenzahlen bei den größten Automobilherstellern. Ohne Verbrenner reduzieren sich die Zahlen um 1/3.

Heute hat VW beispielsweise 590.000 Mitarbeiter, ohne Verbrenner (ICE = Internal Combustion Engine) verringert sich diese um fast 200.000. Bei Daimler sind es heute 280.000, davon würden bis zu 90.000 Jobs wegfallen. Und BMW mit 120.000 verlöre auch an die 40.000 Mitarbeiter. Die Annahme ist klarerweise, dass man heute beim Motorenbau beschäftigte Ingenieure die vor allem Blech verbiegen nicht so ohne weiteres zu Batteriechemikern umschulen kann.

Tatsächlich haben bereits erste Zulieferer den Ausstieg aus der heutigen Technologie angekündigt. So hat der Getriebebauer ZF für seine Standorte Saarbrücken und Schweinfurt das Ende der Getriebeproduktion angekündigt und eine Neuausrichtung auf Antriebsstränge für Elektrofahrzeuge geplant, deren Nachfrage bereits jetzt gegeben ist. Zwar meint das Management, dass keiner der 8.500 Arbeitsplätze gefährdet ist, die Realität wird aber zeigen ob Getriebebauer so einfach in Batteriechemiker umgeschult werden können. Vielleicht gehen keine Arbeitsplätze verloren, aber es sind vermutlich nicht dieselben Angestellten.

Erschwerend für die Hersteller kommt hinzu, dass bis auf BMW keiner das Elektrotechnologie-Knowhow im Hause hat. Batterien und Antriebe werden von Zulieferern gefertigt. Bis auf BMW hat bislang kein anderer deutscher Hersteller aus eigener Entwicklung ein konkurrenzfähiges Elektrofahrzeug auf dem Markt.

Bislang war die Motorenentwicklung das Herzstück jedes Herstellers. Dort machte man Karriere, dort war man in der prestigeträchtigsten Abteilung, von dort machte man den Sprung ins höhere Management und den Betriebsrat. Dort hat man in über 100 Jahren Expertise aufgebaut, und nun wird einem gesagt, dass das woran man ein Leben lang gearbeitet und geforscht hat eingestellt wird.

Wie wird das hingenommen werden? Wie man sieht wird man das nicht widerstandslos akzeptieren. Man wird versuchen Berge zu versetzen um den Niedergang des Verbrenners zu verhindern. Intern wird es zu Machtkämpfen und Arbeitsniederlegungen kommen, extern werden alle Hebel in Bewegung gesetzt um Gesetzesvorstöße wie den der Bundesländer abzuwehren oder auf später zu verlegen.

Die Elektro-Davids sind schon da

Dabei haben die Goliaths bereits verloren. Sie sind schon schwer krank. Und vor ihnen stehen die vermeintlichen Davids aus USA, China und Frankreich. Selbst für Studenten die aus den Umfeld der deutschen Automobilhersteller kommen ist das ersichtlich. „Wir haben verstanden, warum Tesla gewinnen wird“ war die Aussage einer Studentendelegation, die vor zwei Wochen im Silicon Valley Tesla einen Besuch abstattet.

Zu den bestverkauften Elektrofahrzeugen zählt der ZOE mit dem Renault den Zangenangriff von unten wagt. Tesla kommt aus dem Premiumsektor und attackiert dort äußerst erfolgreich. Und mindestens zehn chinesische Elektrofahzeughersteller tun ihr Bestes um den Markt zu besetzen. Die chinesischen Unternehmen kleckern dabei nicht, sie klotzen, wie dieses Video von einer Auslieferung von Elektrobussen an die Stadt Shenzhen beeindruckend zeigt. Man beachte die Unmengen an Elektrotaxis die auf dem Parkplatz dazwischen stehen.

Best of Scheiße

Wenn jetzt Bundesverkehrsminister Dobrindt als prominentester Regierungsvertreter die Vorgaben der Bundesländer als nicht realistisch ansieht, dann erweist er der eigenen Automobilindustrie einen Bärendienst. Sie wiegen sich in Sicherheit und bleiben bei dem wo sie sich auskennen: dem Verbrenner. Gleichzeitig rast die Konkurrenz an ihnen vorbei und besetzt den Markt mit Elektrofahrzeugen und verdrängt Fahrzeuge die mit fossilen Brennstoffen angetrieben werden.

Da verwundert es wenig, wenn selbst das eigentlich am meisten betroffene Unternehmen Volkswagen nach wie vor Anstrengungen am Diesel vornimmt. Und dabei auch noch stolz darauf ist.

Jetzt ist der Zeitpunkt – und der kommt eigentlich schon sehr spät – endlich die deutschen Tugenden anzuwenden und die Notbremse zu ziehen. Ein Gesetzesbeschluss der Verbrennungskraftfahrzeuge ab 2030 verbietet ist die einzige Chance die Deutschland noch hat, seine Autoindustrie in die Zukunft zu retten. Deutschland hat nicht nur das Auto erfunden, es baute bisher auch die besten Autos. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass wir die Zukunft verschlafen.

Von 1900 bis 1913 gelang der vollständige Umstieg von Pferdekutschen auf Automobile. Von 2017 bis 2030 ist das dieselbe Zeitspanne. Die Technologie ist bereits da und auf den Straßen und jetzt ist die Zeit sich mit voller Kraft auf die Zukunftstechnologien zu stürzen. 2030 ist mehr als realistisch. Ob deutsche Hersteller noch dabei sein werden ist hingegen fraglich.

 

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