UPDATED: Fahren außerhalb der Spur: Ein Nachmittag mit Udacity & Mercedes-Benz [VIDEO]

Das Computer History Museum in Mountain View, Kalifornien, war der Schauplatz einer Veranstaltung mit den Koryphäen in der Welt der autonomen Fahrzeuge. Unter dem Titel Driving Outside the Lines: An Afternoon with Udacity & Mercedes-Benz sprach Sebastian Thrun, Gewinner der DARPA Grand Challenge 2006 und Gründer der Self-Driving Gruppe bei Google, mit Axel Gern, Leiter der Selbstfahrtechnologiegruppe bei Mercedes-Benz Research & Development North America, gefolgt vom brillanten Rabauken George Hotz, dem Schrecken der amerikanischen Regulierungsbehörden und Gründer von Comma.ai, das sich auf die Entwicklung von Soft- und Hardware für autonome Fahrzeuge konzentriert.

Udacity, die von Sebastian Thrun gegründete Online-Lernplattform, bietet seit Oktober diesen Jahres den weltweit ersten Kurs an, bei dem ein Nanodegree – also ein Mikroabschluß – zum Thema Entwicklung autonomer Fahrzeuge erworben werden kann. Mercedes-Benz ist einer von 14 Partnern die Kursabsolventen einstellen wollen. Momentan suchen sämtliche Automobilfirmen und Neueinsteiger Hände ringend nach qualifizierten Entwicklern für selbstfahrende Autos und dieser Kurs soll helfen die Lücke füllen.

Nach einem kurzen Überblick über das Kursprogramm und die Teilnehmer die aus aller Welt stammen, besprachen vor 400 Besuchern Sebastian und Axel die Rolle von Mercedes und das Silicon Valley dieses Thema voranzutreiben. Mercedes war das erste Unternehmen, das bereits 1995 selbstfahrende Autos entwickelte, und seither auch Teile wie das Highway Pilot System oder den Stop-Go-Assist in Serienautos eingebaut haben. Es gibt einige Gründe warum erst jetzt dieses Thema abhebt. So waren Computerpower und Algorithmen 1995 nicht soweit, Sensoren und Prozessoren sehr teuer, und ebenso hat Künstliche Intelligenz jetzt erst den Durchbruch geschafft. Auch kann man erst jetzt die Big Data die durch die Sensoren anfallen ausreichend schnell verwerten.

Sebastian Thrun & Axel Gern bei Udacity

Auf die Frage nach dem Zeithorizont meinte Axel, dass zuerst Selbstfahrsysteme für die Autobahn da sein werden, der Stadtverkehr wird aufgrund der Komplexität noch etwas länger brauchen. Auch kann es es sein, dass man die erste Generation an selbstfahrenden Autos nur unter Beschränkungen einsetzen wird können. Beispielsweise bei idealen Wetterbedingungen ohne Regen und Schneefall, oder nur innerhalb eines bestimmten Stadtteils oder Region.

Die Herausforderungen sind laut Sebastian nicht so sehr die Technologie. Diese ist da und funktioniert. Vielmehr gibt es Herausforderungen bei Geschäftsmodellen mit autonomen Fahrzeugen. Aggressive Herangehensweisen bei Sharing-Economy-Unternehmen wie Uber oder Didi zeugen davon. Industrien die davon profitieren werden sind Immobilienunternehmen, weil plötzlich weitere Fahrten und damit das Häuschen im Grünen besser zugänglich werden. Auch in Warenhäusern sind autonome System bereits im Einsatz. Sicherlich bedroht werden Versicherungen, wo ein großer Brocken im äußerst profitablen KFZ-Prämienbereich einfach verschwinden wird. Ebenso wird man sehr viele neue Dienstleistungen entstehen sehen, die sich um die Wartung, Pflege, Verwaltung von autonomen Taxiflotten, Datendienstleistern und so weiter drehen werden.

George Hotz war der zweite Hauptpunkt der Veranstaltung, der die Mission und das Geschäftsmodell von Comma.ai erläuterte. Unter dem Schlagwort „ghostriding for the masses“ und dem Ziel, dass „Comma ist das Android für selbstfahrende Autos“ ging er auf den erst vor kurzem erfolgten Pivot im Geschäftsmodell ein. Anstelle ein Hard/Software Kit zu bauen, mit dem man nachträglich ein Fahrzeug selbstfahrend machen kann, veröffentlicht Comma nun eine Bauanleitung für das Hardware Kit (Comma Neo) und hat die dazu entwickelte Software Comma Open Pilot als Open Source Software veröffentlicht (den Quellcode und Daten kann man auf Github finden).

George Hotz von Comma.ai präsentiert seine Hardware Comma Neo

Der brillante George Hotz, der bereits als Teenager aufgefallen war, weil er das iPhone hackte, gilt als Enfant Terrible in der Szene. Mit Teslas Elon Musk hat er eine Wette laufen, dass sein Crowd-gestütztes System besser ist als das von Tesla. Mit der amerikanischen Verkehrsicherheitsbehörde NHTSA und dem kalifornischen Department of Motor Vehicles liegt er im Clinch wegen der Testerlaubnis, und mit seiner negativen Meinung über den Entwicklungsstand bei den großen Automobilherstellern hält er nicht zurück. Zu den führenden Unternehmen zählt er (neben Comma.ai) Google, Tesla und Uber.

Trotzdem oder gerade deshalb lieben ihn das Publikum und die Investoren. Der Risikokapitalgeber Andreessen Horowitz hat drei Millionen in Comma.ai gesteckt. Und Hotz teilt nicht nur aus und redet, er liefert auch. Ein vor ein paar Tagen veröffentlichtes Video zeigt den Fortschritt. Die Auslieferung wird Hotz zufolge nicht durch die OEMs oder Tier 1 Zulieferer erfolgen. Mit denen allen hatte er Gespräche, die ihn wegen der langen Entwicklungszyklen dieser Unternehmen frustrierten. Stattdessen setzt er auf Mechanikerwerkstätten und Händlern, die auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen sind.

Beim anschließenden Networking konnten sich dann die Studenten der verschiedenen Batches (mein eigener ist der Dezemberbatch, der am 12.12. beginnt) unterhalten. Neben einer Robotikexpertin die bei Tesla arbeitet, lernte ich Softwareingenieure und Elektrotechniker kennen, die bei Beratungsfirmen oder Startups arbeiten und sich in dieses interessante Thema einarbeiten wollen.

Am Parkplatz vor dem Computer History Museum stand übrigens auch ein selbstfahrendes Auto von Udacity.

UPDATED: Nun sind auch die (englischsprachigen) Videoaufzeichnungen der Veranstaltung veröffentlicht worden, die man sich hier ansehen kann:

A Udacity Self-Driving Car Update

Q&A with Sebastian Thrun and Axel Gern

George Hotz Presents Comma Neo

1 Comment

Hinterlasse eine Antwort

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s