Jaguar: Waymos ‚Kuss der Toska‘ oder Rettungsanker?

Kaum einen Tag alt, spürt man doch die Sensation in der Szene. Die Zusammenarbeit zwischen Waymo und Jaguar, die in den nächsten zwei Jahren 20.000 autonome Elektrofahrzeuge mit Level 4 Autonomie in Robotertaxiflotten auf die Straßen bringen will, macht die Mitbewerber nervös. Extrem nervös. Und sollte es auch.

Gerade noch war man damit beschäftigt, die Auswirkungen des tödlichen Unfalls mit einem autonomen Uber-Fahrzeug abzuschätzen und gleich mehrere Unternehmen ihre Aktivitäten vorläufig (NVIDIA, Toyota) oder vermutlich sogar dauerhaft (Uber) einstellen (mussten), begibt sich Waymo unbeirrt auf den nächsten Level.

Exponentielle Entwicklung

Schon der bisherige Vorsprung bei der Entwicklung von Selbstfahrtechnologie ist bereits unglaublich. Während Uber damit haderte Disengagements auf alle 20 Kilometer zu heben, ist Waymo Dimensionen weiter mit Disengagements alle 9.000 Kilometer.

Mit der Rollout von 20.000 Jaguars und mehreren tausend Fiat Chrysler Pacifica Minivans wird der Vorsprung noch größer werden. Waymo-Jaguar erwarten, dass sie mit dieser Flotte eine Million Fahrten pro Tag absolvieren werden. Bei bis zu 10 Stunden Betrieb und 30 Kilometern pro Stunde, werden die Fahrzeuge im Vollbetrieb pro Tag bis zu 5 Millionen Kilometer fahren können. Zum Vergleich: nach mehr als 8 Jahren Betrieb hat Waymo heute 8 Millionen Kilometer an Fahrerfahrung. Mit täglich Millionen von weiteren Kilometern an Fahrleistung steigt die Sicherheit der Fahrzeuge exponentiell an. Jedes neue und kritische Fahrszenario das ein Fahrzeug erlebt, kann zentral in das Maschinenlernen integriert und mit allen Autos in der Flotte geteilt werden.

Das was Oxford-Philosophieprofessor Nick Bostrom schon in seinem Bestseller Superintelligenz beschrieben hat, verwirklicht sich nun. Aufgrund der exponentiellen Natur von künstlicher Intelligenz, beschleunigt sich das Lernen und die Fähigkeit von Waymos KI-System. Alle anderen Hersteller geraten noch weiter ins Hintertreffen. Und wer steigt schon freiwillig in ein Auto eines anderen Anbieters, das weniger sicher ist, als die von Jaguar-Waymo?

Auswirkungen für Jaguar

Was aber bedeutet dieser Deal für Jaguar? Mit dem in Österreich bei Magna/Steyr gebauten Elektroauto i-Pace hat Jaguar sicherlich ein attraktives Premiumfahrzeug auf den Markt gebracht. Es jetzt noch mit Selbstfahrtechnologie von Waymo zu bestücken bringt Jaguar an die technologische Spitze aller Premium-Hersteller.

Für Jaguar ergibt sich die Chance, die Zukunft mitzugestalten, von den Erfahrungen mit der Waymo-Technologie zu lernen und zu überleben. Als guter und verlässlicher Partner für Waymo kann sich da eine lange Partnerschaft ergeben, die Jaguar zu einem Schwergewicht in der zukünftigen Mobilitätslandschaft macht.

Allerdings gibt es einen Wermutstropfen. Die Partnerschaft mit Waymo könnte sich als der Kuss der Toska erweisen. So wie man heute ein Uber und kein ‚Prius-Taxi‘ bestellt, könnte die Marke Jaguar nebensächlich und verwaschen werden. Nicht umsonst ist das Erste was man auf dem Foto oben erkennt das Waymo-Logo, nicht das von Jaguar. Als Passagier werden einem eher Preis, Sicherheit, Komfort, Geschwindigkeit und ob es ein Ladekabel fürs Handy gibt wichtig sein. Schon heute achtet man als Passagier kaum, ob man in einem Airbus oder einer Boeing sitzt, mit einem Bombardier- oder Siemenszug unterwegs ist.

Und wenn, dann wird die Marke Jaguar dann vor allem als Taxi-Service bekannt. Auch wenn Mercedes heute im deutschsprachigen Raum einen Großteil der Taxis stellt, hat das Unternehmen es geschafft diese Arbeitspferde als positives Element für die Marke zu gestalten. Zuverlässig auch im intensiven Einsatz, und trotzdem eine Premiummarke. Ob das Jaguar gelingen wird, ist offen.

OEM wird zum Zulieferer

Vielleicht aber ist die Partnerschaft mit Waymo für Jaguar letztendlich die einzige Möglichkeit gewesen, die Zukunft zu überleben. Weniger Brand Recognition, dafür aber wichtiger Partner für einen technologisch und finanziell dominanten Partner. Jaguar und viele andere OEMs brauchen Waymo mehr als Waymo sie.

Damit beobachten wir live die Umwandlung von OEMs in Waymo-Zulieferer. Das Machtverhältnis in der neuen digitalen Welt hat sich für immer gewandelt.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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