2023: Mehrheit der neu zugelassenen Autos in Deutschland werden Elektroautos sein

Dieser September hat gezeigt, dass Elektroautos in Deutschland endgültig angekommen sind. Mit 17.1% Anteil an den Neuzulassungen sind somit ein Sechstel aller neu zugelassenen Autos Stromer. Und die Wachstumsraten sind phänomenal. Aktuell beobachten wir eine Verdoppelung des Anteils in weniger als einem Jahr. Befanden sich im September vor drei Jahren unter allen Neuzulassungen gerade mal 1,18% reine batterieelektrische Fahrzeuge, so waren es ein Jahr später bereits 2,4%. Im September 2020 explodierte die Zahl auf 8% Anteil.

Der Grund für die Beschleunigung war die COVID-Krise, die bei den traditionellen Herstellern zu einer Produktionseinstellung und wenige Monate später zu Problemen bei der Produktionswiederaufnahme führte, von der Elektroautohersteller wie Tesla nicht oder nur milde betroffen waren. So wurde der damit ausgelöste Chipmangel zu einer Entscheidungsfrage: sollen wir die vorhandenen Chips in die Elektroautos oder Verbrenner stecken? Die Unternehmen entschieden sich weitgehend für ersteres. Die Nachfrage von Elektroautos war höher, als die von Verbrennern und so hatte Ford zum ersten Mal mehr elektrische Mach-E gebaut, als Mustangs.

Mit diesen Wachstumsraten, dem Chipmangel, der noch einige Monate Fortsetzung finden wird, dem Schreckgespenst der Treibstoffknappheit aufgrund des Fahrermangels, wie wir ihn in Großbritannien nach dem BREXIT sehen, die großzügigen staatlichen und regionalen Förderungen von Elektroautos, und nicht zu vergessen, das überlegene Fahrgefühl eines Elektroautos, werden diesen Trend nachhaltig unterstützen. Und das alles in einem globalen Automarkt, der gerade – bedingt durch den Chimpmangel – Einbrüche erlebt. So schätzt das Handelsblatt bis zu 11 Millionen weniger gefertigte Autos in 2021, was ein Viertel weniger Fahrzeuge bedeutet als in der Vergangenheit. Das führt zu der paradoxen Tatsache, dass die Hersteller aktuell hohe Profite einfahren, weil sie die vorhandenen Chips in die höherpreisigen Fahrzeuge mit hoher Profitmarge einbauen und vor allem diese verkaufen. Das gibt ihnen aktuell ein Gefühl der Unantastbarkeit, die aber nur kurzfristig anhalten wird.

Gleichzeitig wird das Angebot an Elektroautos immer reichhaltiger. So steht Tesla mit der Fabrik in Berlin-Grünheide vor dem Produktionsbeginn. Auch Volkswagen arbeitet zügig an der Umrüstung seiner Fabriken zur Produktion von Elektroautos, wie auch andere Hersteller. Mit einem stetig wachsenden Ladestationsnetzwerk, das noch von Geburtswehen geplagt ist, erleben immer mehr Autofahrer Elektroautos und werden überzeugt. Neun von zehn Elektroautobesitzer können sich nicht mehr vorstellen, je wieder einen Verbrenner zu kaufen.

Vorhersage

Extrapolieren wir den Trend bei den Neuzulassungen, dann werden in Deutschland bei solchen Verdopplungsraten von weniger als 12 Monaten bereits 2023 die Mehrheit aller neu zugelassenen Fahrzeuge Stromer sein. Sowohl Diesel als auch Benziner, und Plugin-Hybride werden abnehmen und vom Markt verschwinden. Um 2025 sprechen wir dann von Anteilen von über 80% an den Neuzulassungen.

Projektion des Anteils von Elektrofahrzeugen bei Neuzulassungen in Deutschland

Hier sind die im Diagramm verwendeten Zahlen und die Zahlenquellen.

Monat / JahrProzent Neuzulassungen EVsWachstumsrate
09/20181,18%
09/20192,4%103%
09/20208,0%233%
09/202117,1%114%
09/202234,2%
09/202368,2%
Projektion des Anteils von Elektrofahrzeugen bei Neuzulassungen in Deutschland

Ähnliche Zulassungszahlen und Trends sieht man in der Schweiz und Österreich. Wohin es gehen wird zeigt Norwegen, das Vorreiterland bezüglich Elektromobilität. Im September 2021 erreichte bei den Neuzulassungen der Anteil an batterielektrischen Fahrzeugen 77,5%. Plugin-Hybride kommen noch auf 13,9%, deren Anteil ist aber im Sinken begriffen. Benziner lagen nur mehr bei 3% und Diesel bei 2,3% (Quelle). Wenn der Trend wie bisher weiter geht, dann werden in Norwegen im April 2022 die letzten Benziner und Dieselfahrzeuge verkauft werden.

Auswirkungen auf Hersteller und andere

Wie sehr Dach am Feuer ist, bewies eine Meldung aus Wolfsburg. VW-Chef Herbert Diess versammelt 120 seiner Topführungskräfte, um die Dringlichkeit der Änderungen klar zu machen. Das Wachstum von Elektroautoverkäufen, die Softwareprobleme bei den konzerneigenen Elektroautoflaggschiffen ID.3 und ID.4, die Fertigungseffizienz die Tesla beim Model 3 demonstriert, das in 10 Stunden gefertigt wird, während ein VW Golf mehr als die dreifache Zeit benötigt, und die damit einhergehende Kosteneffizienz von Tesla, machen Volkswagen zu schaffen.

Nicht nur das: auch Arbeitsplätze sind davon betroffen. VW-Chef Diess schlug laut Handelsblatt vor einigen Tagen noch etwas anderes vor, nämlich den Abbau von 30.000 Stellen in Deutschland. Ein Viertel der Belegschaft wird mit der fortschreitenden Umstellung nicht mehr gebraucht. Ein Paukenschlag!? Nicht für uns. Denn angesprochen wie viele Stellen abzubauen sein werden, sobald auf eine vollständige Elektroautofertigung umgestellt werden wird, haben wir in diesem Beitrag vom Oktober 2016(!!).

FUTURE ANGST

Welche aktuellen Ängste prägen uns? Mit welchen Ängsten waren die Menschen in der Vergangenheit konfrontiert, als es die heutigen Technologien noch nicht gab? Warum mischen wir heute im Wettbewerb der Kulturen um neue Technologien nicht ganz vorne mit? Welche Maßnahmen müssen wir ergreifen, um neue Technologien nicht als etwas Beängstigendes und Feindseliges zu betrachten, sondern als ein Mittel zur Lösung der großen Probleme der Menschheit?

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Nach wie vor müssen traditionelle Hersteller ihre Elektroautos durch die Einnahmen von Verbrennungskraftfahrzeugen teuer quersubventionieren. Zu unerfahren ist man bei der Elektroautoproduktion und hat noch nicht die Iterationsschritte zur Fertigungsoptimierung durchgemacht, wie sie Tesla schon unterlief. Auch führte der verspätete Einstieg in die Elektroautoproduktion zu einem gleichzeitigen Lauf auf die wenig bislang erschlossenen und damit knappen Rohstoffressourcen, die u.a. für die Batterieproduktion benötigt werden. Mit den alten Strukturen und Prozessen im Einkauf und den Zulieferern hat man sich mit dem Chipmangel ein Eigentor geschossen, das man erst noch lösen und sich dafür anders aufstellen muss. Ganz zu schweigen von vielen Neueinsteigern, die Elektroautos anbieten, wie Nio oder Lucid, und auf den Markt drängen.

Wenn nun, wie vorhergesagt, die Verkäufe von Verbrennern plötzlich einbrechen werden, dann fehlen im kritischen Moment die Finanzmittel, um einerseits die notwendigen Investitionen in die Umstellung der Produktion und den Neuaufbau von beispielsweise einer Batteriefertigung zu stecken, und andererseits die eigenen Elektroautos zu einem konkurrenzfähigen Preis quersubventionieren zu können.

Die verbleibende Zeit, den Umstieg zu schaffen, und das Angebot anhand der geänderten Marktbedingungen zu ändern, wird immer geringer. Spätestens 2023, wenn die Mehrheit der Neuzulassungen Elektroautos sein werden, wird die Stunde der Wahrheit schlagen. Welcher der Hersteller wird es schaffen, welcher von ihnen wird mit Verlusten kämpfen?

Zum Ausruhen gibt es allerdings keine Zeit. Denn so wie 2017 die Vorhersagen zum Wachstum von Elektroautos belächelt worden sind, stehen wir 2021 bei autonomen Autos. Und darauf sind traditionelle Hersteller noch weniger vorbereitet und glauben noch weniger dran. Aber das ist eine andere Herausforderung und Thema anderer Beiträge.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

3 Kommentare

  1. Ich frage mich, warum einfach so davon ausgegangen wird, dass die Verdopplungen anhalten können?

    „Um 2025 sprechen wir dann von Anteilen von über 80% an den Neuzulassungen.“

    Sogar weit über 80%!
    2023 sollen es 68% sein. 2024 wären es dann 136% und 2025 unglaubliche 272%! Das heißt, 2025 machen Elektroautos mehr als das doppelte des gesamten Marktvolumens aus.

    Das ist Wahnsinn! Der Trend muss gestoppt werden. Wo sollen wir all diese vielen Autos unterbringen?

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    1. Technologieadoptionsraten haben immer einen S-Kurvenverlauf, sobald sie Fahrt aufnehmen. Die New York Times und Havard Business Review haben das mal für dutzende Technologien über die Jahrzehnte vorgezeigt: https://hbr.org/2013/11/the-pace-of-technology-adoption-is-speeding-up

      Und tatsächlich kann es zu Wachstumsraten über 100% gehen, wenn wir das Marktvolumen heranziehen. Heute haben beispielsweise viele Leute 2 oder mehr Handys gleichzeitig. Wer hatte das mit einem Wählscheibentelefon?
      Oder es wird ein neuer, bislang unterversorgter Markt geschaffen. Als Uber 2009 sein Pitchdeck zeigte, war der Taximarkt in San Francisco bei $125 Millionen im Jahr. weniger als 1 Jahrzehnt später verdiente Uber alleine in San Francisco über $500 Millionen.

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