Meine 50 fahrerlosen Cruise Fahrten und neuen Erkenntnisse

Nach meinem Bericht nach den ersten 26 Fahrten in fahrerlosen Cruise-Robotaxis habe ich weitere 24 Fahrten gemacht und dabei einige neue Details beobachtet. Von denen möchte ich berichten. Ich fuhr bis auf zwei Mal immer mit anderen Personen, die ich dazu eingeladen hatte. Wie ich schon gesagt habe, Cruise-fahren ist ein soziales Erlebnis und so habe ich bislang an die etwa 90 Personen mitgenommen.

Einsatzfahrzeuge

Schon im ersten Bericht hatte ich über zwei Begegnungen mit Einsatzfahrzeugen gesprochen und wie sich das Robotaxi dabei verhält. Diesmal gab es zwei weitere, andere Begegnungen. Einmal kamen wir an eine Kreuzung und hörten unmittelbar davor die Sirene eines Polizeifahrzeugs. Das Cruise, das grün hatte, fuhr zwar in die Kreuzung, erkannte aber sofort an den Lichtsignalen das Einsatzfahrzeug, kreuzte die Kreuzung vollständig und hielt unmittelbar danach am Seitenrand an, mit dieser Nachricht auf dem Display:

Nachdem das Polizeifahrzeug die Kreuzung verlassen hatte, schaltete Cruise nach ein paar Sekunden wieder in den normalen Fahrmodus um und weiter ging es.

Bei einer ähnlichen Situation mit einem Polizeifahrzeug war dieses so rasch wieder weg, dass der Bildschirm im Cruise gerade mal eine Sekunde diese Meldung anzeigte und dann weiterfuhr.

Kreuzung

Ein interessantes Erlebnis war, als wir bei der Einfahrt in einer ampelgeregelten Kreuzung grün hatten, vor uns aber ein uns ein uns entgegenkommendes, manuell gesteuertes Fahrzeug die Vorfahrt nahm und nach links abbog. Das Cruise blieb sicher stehen, wobei es in der ersten der drei Fahrspuren der kreuzenden Straße stehen blieb. Das dem uns die Vorfahrt nehmenden Fahrzeug nachfolgende Fahrzeug entschied auch, nach links abzubiegen. Mit anderen Worten: zwei von Menschen gesteuerte Fahrzeuge hatten uns die Vorfahrt genommen. Wir hatten grün und wollten gerade über die Kreuzung fahren, während die beiden aus der Gegenrichtung kommenden Fahrzeuge links abbiegen wollten und beide uns den Vorrang nahmen.

Jedenfalls endeten wir in der ersten Fahrspur des Querverkehrs und die Ampel schaltete auf rot. Der Querverkehr begann nun zu fahren (eine dreispurige Einbahnstraße mit dem Verkehr von links kommend) und das Cruise versucht die Kreuzung zu queren. Da die Cruise-Fahrzeuge scheinbar aktuell nicht rückwärts schieben, musste es vorwärts fahren. Nach einigen Sekunden jedenfalls hielten die menschlichen Fahrer alle an und das Cruise überquerte sicher die Kreuzung.

Unterschiedliche Software

Nachdem ich mit einer ganzen Reihe von Fahrzeugen unterwegs war, und dabei bis zu 9 Fahrten in einer Nacht mit 4-5 verschiedenen Fahrzeugen vorgenommen hatte, und dabei zwischen zwei bis drei Zielen alterniert habe – wir fuhren immer wieder von Harry’s Bar auf der Fillmore Street los und gaben als Ziel Amelie’s Bar auf der Polk, die Lush Lounge oder eine Adresse auf der Haight Street ein, nur um dann in der Mitte der Fahrt das Ziel zu ändern um wieder zu Harry’s Bar zurückzukommen – sah ich Unterschiede, wie die einzelnen Fahrzeuge ihre Ziele zu erreichen versuchten. Sie wählten dabei nicht immer dieselben Routen. Auch erschienen einige der Fahrzeuge zögerlicher als andere, beispielsweise beim Heranfahren und finden des Pickup-Ortes. Dazu muss man wissen, dass ich immer versuchte, an demselben Ort bei Harry’s Bar zu starten, um es dem Fahrzeug einfacher mit dem Heranfahren zu machen.

Ein Beispiel mag das veranschaulichen. Vor Harry’s Bar gibt es nun einen dieser Gastgärten. Auf der linken Seite davon befindet sich eine Bushaltestelle, auf der rechten Seite Parkplätze. Letztere sind zu diese Zeit nur spärlich oder gar nicht besetzt. Dort warte ich immer um ein Fahrzeug zu bestellen und dort kommen sie auch typischerweise an. Ein Fahrzeug hielt auf Höhe der Bushaltestelle an, nur um nach ein paar Sekunden weiter zu den üblichen Parkplätzen zu fahren.

Blick von Harry’s Bar auf die Fillmore Street in San Francisco

Wegen dieser unterschiedlichen Verhalten vermute ich, dass die Fahrzeuge unterschiedliche Softwareversionen aufgespielt hatten. Es kann auch sein, dass die Kalibrierung der Hardware leicht unterschiedlich und zu diesem differenzierten Verhalten geführt haben könnte.

Pfadwahl

Die Auswahl der Fahrtroute scheint von einigen Parametern und Gegebenheiten abzuhängen. Obwohl wie schon erwähnt, wir immer zurück zum Ausgangspunkt fuhren, wählte das Fahrzeug oft nicht den direkten Weg auf der Seite von Harry’s Bar als Dropoff-Ort an, sondern fuhr in eine Seitengasse, um dann entgegen liegend anzukommen.

Beispiel wie das Cruise nicht rechts abbiegt, sondern um den Block fáhrt um in die Fillmore abzubiegen

Auch bemerkte ich, dass die Fahrzeuge bei einigen Straßen nicht nach links abbiegen. Und zwar konkret bei vierspurigen Straßen – jeweils zwei in eine Fahrrichtung – die keine mittlere Barriere, wie etwa einen Grünstreifen, hat, sondern nur eine doppelte Sperrlinie. So biegen die Fahrzeuge bei einer vierspurigen Straße mit Mittelbarriere bei einer ampelgeregelten Kreuzung brav nach links ab, wie beispielsweise auf der Divisadero, nicht aber auf einer Straße wie der California Street.

Vierspurige Straße mit unterschiedlichen Fahrbahnsperren (Bild links Divisadero, rechts Sacramento)

Die California Street vermied das Fahrzeug wie die Pest und wählte stattdessen die einen Straßenzug weiter gelegene zweispurige Sacramento Street, die jeweils eine Fahrspur in jede Richtung hatte.

Kollision berichtet

Eine weitere Meldung, die wir nach dem Aussteigen beobachten konnten, war „Benitoite reported a collision“ (Benitoite war der Name unseres Cruise Robotaxis). Es blieb stehen und hatte die Warnblinkanlage eingeschaltet.

Meldung, die angezeigt wird, nachdem der Cruise eine Kollision erkannt hat

Ich vermute, dass wir beim Aussteigen und dem obligatorischen Selfie hinter dem Fahrzeug das Fahrzeug in der Nähe eines empfindlichen Sensors berührt hatten und dieses eine vermeintlich Kollision vermeldete. Es könnte somit sein (nur eine Vermutung), dass die Cruise Robotaxis zusätzliche (Berührungs?) Sensoren haben, die normale Autos nicht eingebaut haben.

Das Fahrzeug blieb jedenfalls stehen und fuhr nicht mehr weiter. Ich hatte keine Zeit zu beobachten, ob es von Servicetechnikern abgeholt wurde oder nicht. Apropos Servicetechniker…

Servicetechniker

Einmal sah ich eines der Cruise-Fahrzeuge am Straßenrand geparkt. Das ist insofern ungewöhnlich, weil die Cruise, wenn sie keine Passagiere haben, auch pausenlos herumfahren. Sie müssen ja die Kilometer abspulen um zu lernen, ob mit Passagieren oder nicht. Auch verhindert das, dass Vandalen sich dem Fahrzeug so einfach nähern können und beispielsweise einen Sensor beschädigen.

Im geparkten Cruise befanden sich auch drei Personen, die scheinbar Servicetechniker waren, die in der Nähe beliebter Einstiegs- und Ausstiegsorte wie eben der mit Bars und Restaurants gespickten Fillmore Street warteten, für den Fall, dass eines der Fahrzeuge liegen bleibt. Ich vermute auch, dass um die verschiedenen Cruise Depots und Einsatzorte Servicetechniker im Einsatz sind, um schnell liegen gebliebene Fahrzeuge wieder flott zu kriegen, denn diese sind innerhalb kürzester Zeit (1-2 Minuten) am Einsatzort. Damit könnte Cruise auf die vergangene Berichte von liegengebliebenen Fahrzeugen reagiert haben, die – so die Berichte – länger liegengeblieben waren.

Hijacking

Ein kurioses Ereignis war das „Hijacken“ eines Fahrzeugs. Ich bestellte ein Robotaxi, und es kam ein Fahrzeug namens Tanzania an, in dem sich bereits 3 Passagiere auf der Rückbank befanden. Das Fahrzeug stoppte vor mir und die Insassen schienen verwirrt. Es hatte sich deren Ziel während der Fahrt geändert, wie sie mir in einem kurzen Gespräch sagten. Klar, ich hatte einen Zielort eingegeben und der hatte sich auf ihrem Fahrzeug widerspiegelt. Es scheint sich hier um einen Softwarefehler zu handeln, denn das Fahrzeug war nicht frei sondern mit den drei Passagieren auf dem Weg zu deren Ziel.

Wie auch immer, das Fahrzeug setzte dann die Fahrt fort. Auf meiner App sah ich, wie es sich entfernte und die Strecke Richtung meines Ziels fortsetzte. Nach einigem Überlegen beendete ich dann auf meiner App die Fahrt. Das Fahrzeug hielt laut App an, und nach einiger Zeit war meine App wieder für die Bestellung einer neuen Fahrt freigegeben. Dann konnte ich ein neues Fahrzeug bestellen und es kam wieder Tanzania an, diesmal ohne Passagiere.

Sorry an die drei, denen ich die Fahrt unabsichtlich vermiest habe!

Allgemein

Sah ich noch vor wenigen Wochen, als ich Zugang zur Cruise App erhalten hatte, nur 2 oder 3 Cruise-Fahrzeuge mit Passagieren, dafür aber viele leer herumfahrende, so sind es nun wesentlich mehr mit Passagieren besetzte Cruise, die ich zwischen 22 Uhr und Mitternacht in den Autos sehe. Etwa ein Drittel bis Hälfte der Fahrzeuge hatten auch Passagiere an Bord. Über die anderen Zeiten kann ich wenig sagen, weil ich üblicherweise die Fahrzeuge nur bis Mitternacht ausprobiere.

Die Reaktion meiner Cruise Mitpassagiere war jedes Mal dieselbe. Nach einer ersten Minute vollster Konzentration und Aufregung machte sich sehr rasch Ruhe bemerkbar. Die Fahrten wurden als souverän, nicht anders als mit einem menschlichen Fahrer, angenehmen Bremsen und anfahren und keinerlei Zeichen von Unsicherheit des Robotaxis bezeichnet. Überrascht waren auch einige, wie zügig das fahrzeug unterwegs war, sich ohne zu zögern fortbewegte, fast schon menschlich (im positiven Sinne) fuhr. Witzig war allerdings immer zu beobachten, wie gebannt meine Mitpassagiere auf das Lenkrad starrten, so als ob es sie hypnotisieren würde. Es ist dass einzige Zeichen im Cruise, dass es doch keine „normale“ Fahrt ist, sondern dass sie hier die Zukunft miterleben. Wenn das auch einmal weg ist, dann ist auch die letzte Aufregung für sie hinfort.

Interessanterweise merkten einige meiner Mitpassagiere an, dass sie gerne mit dem Fahrzeug sprechen wollten. Dabei meinten sie aber nicht Gespräche, wie jene wo man in New York mit dem Taxifahrer Aktien- und Investmenttipps diskutiert, der Fahrer in Los Angeles einem seinen Drehbuchplot erzählt oder im Silicon Valley einem der Uber-Fahrer sein Startup pitcht, nein, sie wollten dem Fahrzeug Anweisungen geben können. In der Art von „Fahre ran und lasse meinen Freund noch miteinsteigen“ oder „Ändere das Fahrziel auf diese Adresse um“.

Da einige der Passagiere von Automobilunternehmen aus Europa stammten, manche von ihnen sogar aus den Entwicklungsabteilungen zum autonomen Fahren, war deren Reaktion besonders interessant. Sie waren sowohl geschockt als auch begeistert. Und beides, weil sie sahen wie weit die Technologie ist. Ein Passagier war ein Mitglied der deutschen Bundesregierung, der am selben Tag auch noch in einem Waymo (allerdings noch mit Sicherheitsfahrer) mitfahren durfte, und ebenfalls beeindruckt war. Er war in seiner Meinung ganz deutlich, dass ihn deutsche Automobilexperten nun nicht mehr einreden konnten, dass diese Technologie erst in 10 oder 20 Jahren oder überhaupt niemals einsatzbereit sein werde.

Wobei: ich wies ihn darauf hin, dass sie recht doch haben. Von ihnen wird es diese Technologie erst in 10 oder 20 Jahren oder überhaupt niemals geben. Von Cruise ist sie schon heute da. Wie auch schon Henry Ford gesagt hat:

„Ob du denkst, du kannst es oder du kannst es nicht – in beiden Fällen hast du Recht.“

Noch etwas

Wenn dich Technologiethemen wie dieses interessieren, ich habe eine ganze Reihe von Büchern geschrieben. Darin beschäftige ich mich oft auch mit den Verhaltensweisen der Menschen. Mein niegelnagelneues Buch beschäftigt sich ausführlicher mit solchen menschlichen Verhaltensweisen und einem recht negativem Phänomen: nämlich wie Frauen im Internet belästigt und bedroht werden. Digitale Plattformen haben das nur verstärkt und geben toxischen Männern mehr Möglichkeiten in die Hand, Frauen zu bedrohen. Und das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, wo auch speziell wir Männer uns einsetzen und dem Einhalt gebieten müssen.

Wer da helfen will, dass solche Idioten und Arschlöcher Frauen nicht mehr ungestraft online belästigen und bedrohen, dem lege ich mein Buch ans Herz, um das Problem besser zu verstehen und Lösungen zu finden.

CYBERF*CKED

„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst!“ Der Geist dieses bekannten Voltaire-Zitats hat es leider nicht in die sozialen Medien der Neuzeit geschafft. Auf Facebook, Twitter und Co gilt das Primat der eigenen Meinung. Menschen mit anderen Ansichten sind wahlweise dumm, uninformiert oder gleich schlecht, böse und verdorben. Diskurs ist mit solchen Kreaturen nicht erforderlich, somit wird blockiert, gepöbelt und bedroht. Besonders betroffen sind Frauen – hier bekommt der Hass im Netz sehr schnell und sehr oft auch eine sexuelle Komponente. Ein Buch über den Verfall der Sitten im Web 2.0, über Frauen, die sich völlig ungeahnten Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt sehen, und mit zukunftsweisenden Ideen, wie wir alle dafür sorgen können, dass sich die Lage wieder bessert.

Erhältlich im Buchhandel, beim Verlag und bei Amazon.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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