Besuch in der Navya-Fabrik

Das französische Startup Navya, das autonome Minibusse und Taxis entwickelt, gewährte mir einen Einblick hinter die Kulissen. Bei einem Fabriksbesuch in der Firmenzentrale in der Nähe von Lyon sprach ich mit Marketingchef Nicolas de Crémiers.

Das Unternehmen in der heutigen Form entstand 2014 aus den Überresten des Elektrobusherstellers Induct. Das Unternehmen hat bis heute 30 Millionen Euro an Risikokapital aufgestellt, und beschäftigt 220 Mitarbeiter. Die Fabriksniederlassungen sind in Villeurbanne in Frankreich (Hauptquartier) und Saline in Michigan, USA.

Das Unternehmen produziert zwei Arten von Fahrzeugen. Einerseits die Shuttlebusse, die Platz für 15 Passagiere bieten (11 Sitzplätze und 4 Stehplätze), und mit jeweils 8 Lidars und 2 Kameras ausgestattet sind. Andererseits das Autonom Cab, das ein Robotertaxi ist, Platz für 6 Passagiere bietet, und mit 10 Lidars, 6 Kameras, 4 Radars und 2 GNSS ausgestattet kommt. Die Lidars sind dabei Velodyne VLS 16, sowie welche von Valeo. Während der Shuttlebus für geringe Geschwindigkeiten bis maximal 45km/h, üblicherweise aber 25 km/h, zum Transport auf Firmengeländen, Bürokomplexen, in Fußgängerzonen und Innenstädten ausgelegt ist, soll das Autonom Cab Passagiere von ihrer Unterkunft zum Flughafen bringen. Deshalb ist das Autonom Cab auch für höhere Geschwindigkeiten bis zu 90 km/h ausgelegt.

Die Fahrzeuge sind alle elektrisch mit Lithium-Eisen-Phosphat-Batterien (LifeP04) betrieben, und haben eine Kapazität von 16,5 bis 33 kWh. Das reicht für bis zu 9 Stunden Betrieb für die Shuttlebusse.

In der Fabrik wurden im Juni 2018 das hundertste Fahrzeug produziert. Momentan läuft ein Fahrzeug durch sieben Produktionsphasen. Ein Fahrzeug durchläuft die Produktion in 2 Wochen, pro Tag verlassen momentan 3 Fahrzeuge die Produktionsstraße. Die Endmontage soll mit dem Beginn einer weiteren Produktionsstraße auf 400 Fahrzeuge pro Monat in Frankreich und 200 in den USA ausgebaut werden.

 

 

An der Vorder- und Rückseite der Shuttlebusse sind große Displays angebracht, die die Kommunikation mit Fußgängern und Passagieren außerhalb des Fahrzeugs erlauben.

 

 

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Wie bereits andere Hersteller von autonomen Fahrzeugen haben Navya-Passagiere nach anfänglicher Aufregung den baldigen Eintritt von Langeweile erfahren. Das Fahren in einem autonomen Auto ist sehr rasch nichts Außergewöhnliches mehr. Deshalb hat Navya mit der Programmierschule École 42 einen Ideenwettbewerb laufen, bei dem die Schüler Ideen für die Beschäftigung und Unterhaltung der Passagiere in solchen Fahrzeugen entwickeln sollen.

Navya selbst sieht sich nicht als Betreiber von Bus- und Taxiflotten, sondern verkauft die Fahrzeuge an private und öffentlich Einrichtungen. Die Shuttlebusse gibt es ab 260.000 Euro, die Autonom Cab ab 350.000 Euro. Rund um die Uhr stehen auch ein Experten zur Verfügung, die die Fahrzeuge überwachen und bei Problemen bereitstehen. Verkehrsdienstleister wie die Schweizer Post oder Keolis sind Partner von Navya.

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Die Fahrzeuge können zwar beobachtet werden, es kann aber im Betrieb aus Sicherheitsgründen keine Software aufgeladen werden. Nur außerhalb des Betriebs werden Änderungen an der Software vorgenommen und Daten heruntergeladen.

Apropos Sicherheit: auch in der Fahrgastzelle befindet sich eine Kamera, die das Wageninnere beobachtet. Bevor die Shuttles selbst zum Einsatz kommen, werden die Fahrstrecken hochauflösend kartographiert. Die Shuttles können dabei eine fest vorgegebene Route mit fixen Stopps abfahren, oder individuell bei Stationen angefordert werden.

Die Fahrzeuge kommen heute schon in vielen Ländern zum Einsatz, Spitzenreiter ist dabei die Schweiz mit 10 Shuttles. Bestellt werden können die Shuttles mit einer eigenen Navya-App. Noch dieses Jahr soll das Autonom Cab in Perth in Australien, Lyon in Frankreich und in den USA zum Einsatz kommen.

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Aktuell fahren im Lyoner Stadtteil Confluence 2 Navya-Shuttles im Testbetrieb. Dabei haben die Fahrzeuge mit unvorsichtigen Fußgängern, rücksichtslosen Fahrradfahrern und frechen Spatzen zu tun, die mal die Sensoren mit Flügelschlag auslösen und die Shuttles zum Anhalten bringen.

 

 

Navya erwartet, dass bis 2025 der weltweit jährliche Bedarf an solchen Shuttles bei 34.000 Fahrzeugen liegen wird. Vorher müssen allerdings noch rechtliche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Der französische Gesetzgeber bereitet gerade ein 2019 in Kraft tretendes Gesetz vor, das den kommerziellen Betrieb autonomer Autos auf französischen Straßen erlauben soll. Bislang muss noch in jeder Gemeinde separat eine Erlaubnis eingeholt werden.

Ein interessantes Detail ließ mir Nicolas am Ende der Besichtigung zukommen. Gerade mal 20 Prozent der Mitarbeiter bei Navya haben einen Führerschein. Nur 20 Prozent!

 

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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