Ubers Scheißmonat

Wenn es ein Unternehmen gibt, das mit schlechten Nachrichten eng vertraut ist, dann ist das Uber. Der Transportnetzwerkdienstleister hat schon in der Vergangenheit nicht davor zurück gescheut, Konflikte auch vor Gericht auszutragen. Typischerweise kann Uber sich in jeder neuen Stadt in der es seine Dienstleitung einführt, auf Klagen der lokalen Taxiunternehmen und Stadtverwaltung einstellen. Diese kommen so sicher wie das Amen nach dem Gebet.

Dabei sind Klagen an sich nichts von vornherein Schlechtes. Je disruptiver eine Idee, desto eher sind Klagen zu erwarten. Taxiregulierungen beispielsweise sind unter ganz bestimmten Gesichtspunkten entstanden. Diese drehen sich oft um das Informationsungleichgewicht das Fahrer gegenüber Orts unkundigen Passagieren haben. Mit Ubers Technologie werden einige diese Bestimmungen aber sinnlos. Ubers Heerschar an Rechtsanwälten und gut gesteuerte Kampagnen, die loyale Uber-Kunden dazu bringen vor ihren lokalen Verwaltungen für Uber zu einzutreten, sind bestens darauf eingespielt.

Diese Taktik war in der Vergangenheit sicherlich erfolgreich, und hat zu der Bewunderung für das Unternehmen geführt. Diese Erfolge sind aber teuer erkauft, und das nicht nur aus monetärer Sicht. Häufige Gerichtsklagen hinterlassen einen schalen Nachgeschmack, und in vielen Gemeinden und Städten ist die Öffentlichkeit nicht immer nur absolut hinter Uber stehen. Zu recht werden die oft nur geringfügige Entlohnung und Abhängigkeit der Uber-Fahrer kritisiert, sowie Ubers Standpunkt, dass die Fahrer keine Uber-Angestellten seien, sondern eigenständige Unternehmer. Auch dass Uber oft Fahrer ohne weitere Warnung bannt, ohne dass diese Chance auf Anhörung oder Rekurs haben.

Ubers Chinaproblem

Der erste größere Rückschlag kam aus China. Nicht nur gegen Taxiunternehmen war Uber aggressiv vorgegangen, sondern auch gegen andere Sharingdienstleister. Lyft, mytaxi und andere kommen nicht auch nur annähernd an die 70 Milliarden Dollar Evaluierung von Uber und die 16 Milliarden Dollar an Risikokapital ran.

Bei einem Konkurrenten musste sich Uber allerdings geschlagen geben. Dem chinesischen Anbieter Didi Chuxing. Im August 2016 gab sich Uber geschlagen und verkaufte seine China-Operation an den Konkurrenten.

Tesla

Einige Wochen später meldete Tesla-Chef Elon Musk, dass die Selbstfahrtechnologie von Tesla nur für die Tesla-Besitzer, nicht aber Uber zur Verfügung stehen werde. Tesla-Besitzer werden einen Tesla eigenen Sharingdienst erhalten und ihre Fahrzeuge damit ‚für sich arbeiten lassen können‘. Eine Ankündigung die sich ganz klar gegen Uber wendet. Wenn auch nicht kritisch für Uber, so doch ein Zeichen, dass sich der Wettbewerb verschärft und der Wind rauer wird.

Illegale Selbstfahrtests in San Francisco

Der nächste größere Rückschlag kam knapp vor Weihnachten aber nicht mit der Dienstleistung selbst, sondern mit der Selbstfahrtechnologie die Uber in San Francisco zu testen begann. Das allerdings ohne eine offizielle Erlaubnis eingeholt zu haben. Uber-Testfahrzeuge die im Selbstfahrmodus durch Rotlichter durchbretterten halfen dabei nicht. Weniger als 48 Stunden nach Testbeginn musste Uber sie auf Anordnung der Stadtverwaltung einstellen.

Auch mit der Wahrheit zum Grund für den auf Video dokumentierten Zwischenfall nahm man es bei Uber nicht so genau. Schob man die Schuld ursprünglich auf den Fahrer des Testfahrzeugs, so musste Uber mittlerweile eingestehen, dass die Selbstfahrtechnologie versagt und das Rotlicht ignoriert hatte.

Trumps Beratungsgremium

Vor allem aber der vergangene Monat hatte es für Uber auf sich. Und das begann damit, dass Uber-CEO Travis Kalanick als Technologieberater für den neuen US-Präsidenten Donald Trump diente. So wie übrigens auch Tesla-Chef Elon Musk. Nach den ersten Executive Orders des neuen Präsidenten, die sich gegen Muslime allgemein und Bürger aus sieben Ländern richtete, wurden spontane Proteste auf den Flughäfen im ganzen Land veranstaltet. Dabei wurde Uber von den Demonstranten vorgeworfen, von den Solidaritätsbeweisen der Taxifahrer mit den Protesten zu profitieren, indem Uber-Fahrer nach wie vor Passagiere zu den Flughäfen brachten. Eine #DeleteUber-Kampagne auf Twitter führte innerhalb weniger Tage dazu, dass zehntausende Uberkunden die App deinstallierten. Kalanick schied angesichts der Kritik auch aus Trumps Beratungsgremium aus und entschuldigte sich für den Anschein, Trumps Politik zu unterstützen.

Sexuelle Belästigung

Ein Blog der ehemaligen Uber-Mitarbeiterin Susan Fowler von letzter Woche, die sich darin über ihr ‚äußerst seltsames Jahr‘ bei Uber ausließ und die Kultur sexueller Belästigung im Unternehmen offenlegte, führte zu einem medialen GAU. Mindestens 100 Uber-Mitarbeiterinnen grillten Kalanick in einem Meeting, der augenscheinlich überrascht war und teilweise nach wie vor nicht glauben wollte, wie weit verbreitet sexuelle Belästigung bei Uber ist. Die aggressive Kultur, die Kalanick den Unternehmenserfolg bislang garantierte und die rasche Expansion zuließ, scheint sich somit negativ auf die interne Firmenkultur ausgewirkt zu haben.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass Uber wegen sexuellen Übergriffen oder Frauenfeindlichkeit angeprangert wird. Bereits 2014 führten Berichte zur Existenz und dem Missbrauch eines Stalking-Werkzeugs, das Uber-Mitarbeiter erlaubt Kunden zu verfolgen, und das bezeichnenderweise als ‚Godview‘ (Gottsicht) bezeichnet wurde, zu einer außergerichtlichen Einigung. Und dann war da noch die Drohung eines  Uber-Managers, eine kritische Journalistin mit einer Schmierkampagne zu besudeln. Der Manager ist übrigens nach wie vor bei Uber beschäftigt.

Auch wenn nun Aufsichtsratsmitglied und Gründerin der Huffington Post, Arianna Huffington, sowie Obamas ehemaliger US-Generalbundesanwalt Eric Holder nun eine Untersuchung wegen der sexuellen Belästigungen bei Uber leiten, das ist alles nicht so bedrohlich für das Unternehmen, wie die am Donnerstag bekannt gewordene Klage der Google-Schwester Waymo.

Waymo Gerichtsklage

Und diese Klage hat es in sich und könnte Uber das Genick brechen. In der Klage wirft Waymo mehreren ehemaligen Google und jetzigen Uber-Mitarbeitern vor, Firmengeheimnisse im großen Maßstab von Google-internen Servern gestohlen zu haben. Dabei soll es sich um 14.000 technischen Dokumenten handeln, die die Baupläne der Lidar- und Sensorsysteme beinhalten, sowie Lieferantenlisten, Arbeitslisten und Testroutinen umfassen.

Laut einer Analyse des The Guardian sind insgesamt 28 ehemalige Google-Mitarbeiter bei Uber-Ot.to beschäftigt, 18 davon waren in der Selbstfahrgruppe. Anthony Levandowski, der Ot.to-Mitgründer und Leiter der Selbstfahrtechnologieentwicklung bei Uber, der im Zentrum der Kontroverse steht, war federführend für die Entwicklung von Googles Lidarsystem.

Die Klage ist aus mehreren Gründen brandgefährlich für Uber.

Zuerst einmal ist Waymos Lidartechnologie heute sowohl in der Qualität als auch im Preis konkurrenzlos. Vergleichbare Lidars kosten heute über 70.000 Dollar. Waymo-CEO John Krafcik hingegen schilderte auf der Detroit Autoshow, dass Waymo den Preis um 90 Prozent runterbringen konnte. Selbst wenn Uber die Technologie von anderen Lidarherstellern kaufen würde, sind die Lieferzeiten momentan mehrere Monate.

Zweitens erläuterte Waymo in einem Blogpost, dass die Entscheidung Uber zu klagen nicht leichtfertig gefallen war, angesichts der vorsätzlichen Vorgangsweise und des Umfangs des Diebstahls an geistigem Eigentum und Geschäftsspionage blieb keine andere Option offen. Der noch unbestimmte Streitwert inklusive den in den USA üblichen Schadenszahlungen, die ein Vielfaches des Streitwerts erreichen können, könnten trotz Ubers Bewertung und aufgestelltem Risikokapital Uber schnell das Genick brechen. Als Grundlage für den Streitwert könnte Ot.tos Kaufpreis von 700 Millionen Dollar dienen. Wir reden hier also potenziell von mehreren Milliarden Dollar.

Drittens würde eine Niederlage vor Gericht Ubers Ambitionen auf den Anfangszustand zurücksetzen. Die Technologie müsste von Grund auf neu entwickelt werden. Angesichts der zahlreichen Konkurrenz, die man einholen müsste, scheint das schier unmöglich.

Viertens, würden viele Partnerschaften, die Uber mit Herstellern wir Volvo, Ford oder Mercedes einging, hinfällig, da sie unter falschen Ausgangsbedingungen eingegangen worden waren. Das ganze mühsam aufgebaute Kartenhaus würde zusammenbrechen.

Und fünftens hat Google beinahe unbeschränkte Ressourcen um Uber zu bekämpfen. Google scheint das auch vorzuhaben, um ein Exempel zu statuieren.

In Waymos Klageschrift ist die Zeitachse der Begebenheiten angegeben, und sofern sie korrekt ist, sieht die nicht gut für Uber aus, mit den Fakten die heute bekannt sind.

  • Levandowski registriert seine Domäne für was heute unter Ot.to läuft im November 2015
  • Am 3. Dezember 2015 führt Levandowski eine firmeninterne Serversuche nach LIDAR Dokument durch und lädt am 11. Dezember 2015 an die 14.000 Dokumente von den internen Google-Servern.
  • Angeblich erzählt Levandowski einigen seiner Kollegen von seinen Plänen, Googles Technologie in einem anderen Unternehmen nachzubauen.
  • Levandowski trifft sich am 14. Jänner 2016 mit Ubers Topmanagement in deren Firmenzentrale auf der Market Street in San Francisco.
  • Einen Tag später am 15. Jänner 2016 gründet er offiziell seine Firma 2018 System (nun Teil von Ot.to).
  • Am 1. Februar 2016 gründet er Otto Trucking
  • Auch wenn in den USA Arbeitsverträge ohne Frist gekündigt werden können, so ist es trotzdem eher unüblich nach einem längeren Beschäftigungsverhältnis ein Unternehmen abrupt zu verlassen. Levandowski tat das nach sieben Jahren mit Google von einem Tag auf den anderen am 27. Jänner 2016.

In einer ersten Reaktion hat Uber – wie zu erwarten – die Vorwürfe zurück gewiesen.

Ein Genick brechender Scheißmonat?

Mit dieser Historie an aggressivem Verhalten hat sich Uber viele Feinde geschaffen, auch unter loyalen Kunden. Auch wenn Google ebenfalls nicht immer ohne Kritik dastand und unfaire Praktiken vorgeworfen werden, so könnte der Unterschied zwischen den beiden Unternehmen in der öffentlichen Meinung nicht größer sein. Google wird als viel sympathischeres Unternehmen gesehen, als Uber. Selbst der Starinvestor Peter Thiel bezeichnete Uber als „ethisch bedenkliches“ Unternehmen.

Die rasche Aufeinanderfolge von Rückschlägen durch Konkurrenz und eigenes Fehlverhalten lässt Uber in einer bedrohlichen Situation zurück. Es war also nicht nur ein Scheißmonat für Uber, sondern auch ein Blick in das Angesicht des Todes. Und Waymo könnte Uber mit der Klage den Todeskuss verabreicht haben.

Dieser Beitrag wurde auch auf Englisch veröffentlicht.

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