Deutsche Hersteller kämpfen mit Problemen – und vor allem mit sich selbst

Spricht man mit deutschen Automobilexperten oder liest man deutsche Nachrichten, dann ist Tesla eigentlich schon jetzt tot, angesichts der Probleme bei der Produktion des Model 3, der Autopilotunfälle und der Verluste die das Unternehmen schreibt. Waymo wiederum ist „viel zu zögerlich“ bei der Entwicklung seiner Selbstfahrtechnologie und „findet ja gar keine Partner,“ die sie doch dringend brauchen, „weil Auto werden sie doch nicht selbst bauen wollen, oder?“ Und Uber ist einfach eine profitgeile Firma, die sogar Tote bei autonomen Autos in Kauf nimmt, um Gewinn zu machen.

So oder ähnlich lauten die Schlagzeilen und ‚Expertenmeinungen‘. Und so richtig falsch sind manche Vorwürfe nicht, aber die Ableitung, dass die deutschen Hersteller die Nase voran haben werden und alles richtig machen, ist falsch. Dazu sind in den letzten Wochen zu viele Meldungen gekommen, die in schmerzhafter Weise vor Augen führen, wie abgeschlagen die deutsche Automobilindustrie ist, und wie viele Probleme sie hat, die jetzt mit voller Wucht durchschlagen, weil die Lösungen auf die lange Bank geschoben wurden.

Verkaufsstopp

Dramatisch ist da mal der Verkaufsstopp den Porsche aussprechen musste. Weil die neue Abgasnorm nicht eingehalten werden können, hat das Unternehmen mal alle Neuwagenverkäufe eingestellt. Und dabei handelt es sich nicht um Diesel-, sondern um Benzinmotoren.

Die Volkswagengruppe generell kämpft hier mit Problemen. Es kommt zu monatelangen Verzögerungen bei der Auslieferung aufgrund notwendiger Nachrüstungen von Neuwagen.

Verkaufsrekord

Selbst wenn man noch Autos verkauft, zeigt einem ein Neueinsteiger bei Verkäufen den Auspuff – sofern er denn einen hätte. Die Rede ist von Tesla, die aus dem Stand in den USA mit dem Model 3 den größten Marktanteil, noch vor Mercedes C-Klasse, Audi A4 und den 3er BMW, erreicht haben. Und Tesla fährt noch nicht mal auf voller Produktionskapazität, was bislang angesichts der angeblichen ‚Probleme‘ öffentlich mit Schadenfreude bekundet wurde. Aber jetzt bleibt den Konkurrenten das Lachen im Hals stecken, weil das schlimmste Ahnungen wahr werden lässt, sobald die ersten Model 3 nach Europa kommen.

Milliardenstrafe

Dann wurde Daimler-Chef Zetsche zu Verkehrsminister Andreas Scheuer geladen, um dort Rechtfertigungen für die Dieselmanipulationen vorzubringen. Bis zu 900.000 Autos könnten davon betroffen sein und satte 3,75 Milliarden Euro an Strafen winken.

BMW ist auch mit seiner ‚falsch‘ aufgespielten Software im Murks dabei, Volkswagen erwähnen wir da gar nicht mehr. Letztere gaben dem Skandal ja erst den Namen.

Dieselfahrverbot

Hamburg wurde die erste deutsche Großstadt, die Dieselfahrverbote aussprach. und jetzt wollen Stuttgart und München folgen.

Nicht nur Dieselfahrverbote in Städten, sondern auch erste Stillegungen von nicht umgerüsteteten Dieselfahrzeugen mit Schummelsoftware wurden ausgesprochen.

Preisvorteile

Dann wurde von einem Ingenieursdienstleister das Model 3 zerlegt und eine Teile- und Materialanalyse mit Kostenabschätzungen durchgeführt. Tja, und es stellt sich heraus, dass die Model 3 Gewinne abwerfen und nicht kostenneutral mit Material- und Produktionskosten auf den Basispreis kommen. Ein Schock für die deutschen Hersteller, vertrat man doch bisher die Meinung, dass das Model 3 eher hart an der Kostengrenze fährt und nur höherpreisig ausgestattete Model 3 Geld einfahren.

Das war aber nicht alles, was dieser Bericht offenbarte.

Technologischer Rückstand

Bei der Analyse der Batteriebestandteile wurde klar, dass Tesla ein technologischer Durchbruch gelungen war. Der Anteil des seltenen und teuren Kobalt konnte auf ein Drittel reduziert werden. Tesla hat somit nicht nur Batterien von höherer Qualität und Kapazität, sondern kann sie auch billiger herstellen.

Batteriefabrik

Während deutsche Hersteller nach wie vor diskutieren, ob man eine Batteriefabrik braucht oder nicht, und die Meinung eher auf einen Zukauf dieser Schlüsseltechnologie tendiert, hat Tesla Pläne für den Bau einer zweiten Gigafabrik in China enthüllt. Schon heute hat die Gigafactory 1 mit mehr als 3 Milliarden Zellen pro Jahr an Ausstoß die globale Zellproduktion fast verdoppelt. Im Vergleich dazu hat Daimlers Zellfertigung in Kamenz selbst im Endausbau im Jahr 2020 nur ein Zehntel der Kapazität der heutigen Gigafactory, dabei werden in Kamenz die fertigen Zellen nur gebündelt, die fertigen Batteriezellen selbst aber aus Asien bezogen.

Jobs

So langsam dämmert es den Meisten, inklusive den Gewerkschaften und Betriebsräten, dass die Änderungen in der Automobilindustrie gerade in Deutschland Jobs kosten werden. Und zwar jede Menge. Eine Elefantenrunde der Gewerkschafter sprach von 75.000 Arbeitsplätzen die in Deutschland bei einem Umstieg auf Elektromobilität verloren gehen – und das ist eine niedrige Schätzung.

Technologischer Rückstand II

Von all dem ist ein Unternehmen wie Waymo völlig unbekümmert und legt vor wie man selbstfahrende Autos baut. Gerade erst gab das Unternehmen bekannt, 7 Millionen Meilen (11,2 Millionen Kilometer) im autonomen Modus schon abgespult zu haben, setzt man auch einen Schlag nach dem anderen nach. 20.000 autonome Jaguars hier, 62.000 autonome Minivans da. Und verwandelt damit grundlegend die Industrie und Autobesitz.

Ach, zum Vergleich wie gut deutsche Hersteller sind: der Disengagement Report 2017. Waymo-Autos übergeben alle 9.000 Kilometer, Daimler-Autos kennen sich schon alle 2 Kilometer nicht mehr aus und übergeben an einen Fahrer.

Meinungen

Und dann will sich die Meinung deutscher Automobilmanager nicht ändern, trotz der deutlich sichtbaren Signale. Die Mehrheit sagt der Elektromobilität nach wie vor ein Scheitern voraus.

Schlussfolgerung

Die letzten beiden Jahren in der Automobilindustrie waren geprägt von Absatzrekorden einerseits und dem Dieselskandal andererseits. Dieser dominierte die Schlagzeilen und führte zu Erschütterungen in den Management-Etagen deutscher Hersteller. Jetzt aber vervielfältigen und beschleunigen sich die Probleme. Die Rückstände bei der Technologieentwicklung, beim Aufbau der Infrastruktur, dem Fachwissen und Können, der Ressourcensicherung und dem Verständnis zum Mobilitätsverhalten werden dramatisch klar.

Der Niedergang der deutschen Automobilindustrie ist im vollen Gange. Und die Checkliste zur Todesspirale beschreibt sie aktuell.

-“-

Ach, und was hat es mit dem Titelbild auf sich? Das ist der ‚Volkswagenfriedhof‚, alle in den USA zurückgeorderten Dieselfahrzeuge, die VW nun entsorgen muss.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

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