Alles was am Mercedes EQC vermasselt ist

Die Show ist vorbei, das Klavier abgespielt, der Applaus war enden wollend, und nach und nach trudeln die nüchternen Berichte ein. Ich spreche vom Mercedes EQC, das erste Elektrofahrzeug von Mercedes, das Tesla Paroli bieten soll und diese Woche in Stockholm der Öffentlichkeit vorgestellt worden war.

Gleich vorweg: der Mercedes EQC bietet weder Tesla Paroli, noch ist er der Tesla-Killer, im besten zu hoffenden Fall ist er ein Verbrennungskraftfahrzeugkiller. Schlimmer ist, dass der EQC weder die Anforderungen der Elektrofahrzeugstandards der letzten paar Jahre, und schon gar nicht die der Zukunft erfüllt oder auf dem Weg dorthin scheint. Er ist der Opel der Elektroautos, ein Fahrzeug für alte Leute, die auch noch mal ein bisserl schwanger, aber nicht zu viel sein wollen, um sich jung zu fühlen. Der EQC unterwältigt.

Die Gründe für diese harschen Worte sind rasch aufgezählt:

  1. Die Karosserie des EQC basiert auf dem Verbrennermodel;
  2. Der EQC wird auf derselben Fertigungsstraße wie die Verbrenner gebaut;
  3. Die Leistungsdaten des EQC im Jahr 2018 sind schlechter als die vom Model S im Jahr 2012;
  4. Fehlende oder unambitionierte Vorbereitung auf Digitalisierung und hochautomatisiertes oder gar autonomes Fahren;

1) Karosserie

Ein Verbrenner benötigt ein anderes Karosseriedesign als ein Elektrofahrzeug. Statt einem Motor, einem Getriebe, Auspufftöpfen und Treibstofftank, gibt es einen oder mehrere Elektromotoren und ein großes Batteriefach. Ein Elektrofahrzeug erlaubt freiwerdenden Platz für andere Zwecke zu verwenden. Statt dem Motorraum gibt es nun freien Platz, der im Tesla als ‚Frunk‘ (von front trunk = Vorderkofferraum) bekannt ist. Der Platz der üblicherweise durch Tank, Auspuff oder Getriebe eingenommen wird und bei Elektrofahrzeug frei wird, macht die Fahrzeuge innen geräumiger. Da die Batterie zumeist flach im Wagenboden verbaut wird, ist das Fahrzeug steifer, der Schwerpunkt niedriger, und damit ein anderes, zumeist vorteilhafteres Fahrverhalten gegeben.

Begründet wird der fehlende Frunk vorwiegend mit den der Sicherheit dienen sollenden Rohren. Tesla allerdings kriegt andauernd die höchsten Sicherheitsbewertungen, wie schaffen die das ohne diese Platz verschwendenden Rohre? Wie man auf dem Bild sieht, ist da noch jede Menge anderes Zeugs drin, für das Mercedes scheinbar keinen anderen Platz im Auto gefunden hat. Bei der kleineren Tesla Model S Limousine fand man diesen Platz aber doch?

Man beachte beim Wageninneren, vor allem bei den Hintersitzen, das leere Gehäuse im Fußbereich, wo normalerweise Getriebe und so verbaut sind. Völlig unnötige Platzverschwendung, weil für einen Verbrenner konzipiert.

2) Fertigungsstraße

Eine gemeinsame Fertigungsstraße für Elektrofahrzeuge und Verbrenner klingt im ersten Moment völlig rational. Eine flexible Produktionslinie mag zwar teurer sein, ist aber billiger als zwei Fertigungsstraßen aufbauen zu müssen. Sollte es zu Absatzschwankungen zwischen Verbrennern und Elektroautos kommen, ist diese Fertigungsstraße immer noch besser ausgelastet. Betriebswirtschaftlich durchaus vernünftig.

Leider ist diese Fertigungsstraße aber weder auf das eine, noch das andere Fahrzeug optimiert. Ein Optimum erreicht man nur, wenn die Karosseriedesigns sehr ähnlich sind. Und das führt uns wiederum zu 1).

Auch dürfen wir getrost vermuten, dass die Fertigungsstraße eher auf Verbrenner denn auf Elektrofahrzeuge optimiert ist. Mit dem Bau von Verbrennern kennt man sich aus, die baut man seit 130 Jahren. Mit Elektrofahrzeugen lernt man erst.

Genau das führt zum Titelbild. Der fehlende Frunk. Und dieser ist nur das ins Auge springendste Zeichen, dass da noch mehr an solchen Kompromissen in Kauf genommen wurden, und den EQC insgesamt zu einem schwachen Stromer macht. Der Kühlergrill ist mindestens genauso anachronistisch, wie es die Peitschenhalter waren, die noch bei den ersten Automodellen mit ausgelieferten wurden.

Der Laderaum hinten ist so hoch gelegen und innen vermutlich weniger breit als er sein könnte, weil dort beim Verbrenner eigentlich Auspufftöpfe und Benzintank liegen.

3) Leistungsdaten

Ein Vergleich der Leistungsdaten mit dem Model S, wie es in den Spezifikationen von 2012 stand, und dem EQC von 2018 (wie er dann 2019 verkauft werden soll) zeigt, dass es scheinbar einen Stillstand gegeben haben muss. Nicht nur erreicht der EQC nicht die Leistungsdaten vom Model S – zugegeben: der EQC ist eine halbe Tonne schwerer – aber Mercedes scheint nicht mal den Versuch gemacht zu haben, die alten Daten zu erreichen, geschweige den zu prognostizieren, wohin sich die Leistungsdaten eines Tesla Model S im Jahr 2019 befinden werden und auf diese hinzuarbeiten.

Tesla Model S (2012) Mercedes EQC (2019)
Reichweite 265 Meilen
424 Kilometer
˜200 Meilen
320 Kilometer
Batterie 85kWh 80kWh
0 auf 100kmh 4,3 Sekunden >5 Sekunden

Auf zukünftige Leistungsmerkmale hinzuarbeiten, nennt man auch Future Benchmarking. Das ist eine Foresight Mindset-Methode (ich halte übrigens einen Workshop dazu in München im Oktober ab), um nicht etwas zu bauen, das beim Erscheinungszeitpunkt schon hoffnungslos veraltet ist. Hat Mercedes das mit dem EQC gemacht? Gemäß den Leistungsdaten eher nicht.

Future Benchmarking (Foresight Mindset)

Jetzt kann man einwerfen, dass man die Beschleunigung nicht braucht, die Reichweite mehr als ausreichend für den alltäglichen Gebrauch ist, und das Fahrzeug doch eher gemütlich gefahren wird, und damit nicht auf der Autobahn brettern wird. Und ich stimme dem durchaus zu. Alleine wäre das kein Argument. Doch da auch schon die Punkte 1) und 2) ein bisserl Stimmung drücken, und 3) auch noch hinzu kommt, wird die Stimmung immer trüber.

4) Digitalisierung, autonomes Fahren

Vielleicht weniger augenfällig, weil In Europa weniger beachtet, ist das Design um den Fahrer herum. Eine digitale Anzeige wurde angebracht, selbst ein Sprachassistent eingeführt (zu dem komme ich nochmals). Aber anstelle Funktionalität auf einen Touchscreen zu verlegen, sind immer noch Reihen von Knöpfen und Hebeln für den Fahrer angebracht.

Das Tesla Model 3 – die jüngste Generation eines Fahrzeugs von Tesla – hat damit aufgeräumt, ja es geht sogar so weit, dass man (nach etwas photoshoppen) erkennen kann, was die Designer des Model 3 als Ziel hatten: das Model 3 ist bereits als autonomes Auto konzipiert.

Mir ist schon klar, dass die Ankunft autonomer Autos noch ein wenig dauern wird, vor allem bis sie nach Deutschland gemacht haben (vermutlich so um die 3 bis 5 Jahre). Und die Sprache deutscher Autobauer zeigt, was sie davon halten. Es wird durchgehend von automatisiertem Fahren gesprochen, nicht vom autonomen Fahren. Ersteres ist maximal Level 3, als ein Fahrerassistenzsystem. Letzteres hingegen Level 4 und später Level 5. Doch da sind deutsche Hersteller weit zurückgefallen.

Weiters ist mir klar, dass die Kundschaft von Mercedes eine gesetztere, ältere ist. Ich hab’s schon erwähnt: Mercedes ist der Opel unter den Elektroautos. Und da ist dieser digitale Schnickschnack nur störend, und autonomes Fahren in deren Verständnis frühestens 2040, wenn überhaupt, spruchreif.

Gerade mal den Sprachassistent finde ich vielversprechend, aber das bei der Vorstellung gezeigte Beispiel „Lade mein Auto voll, weil ich morgen weit fahre!“ ist doch ziemlich dämlich. Wird das Auto über Nacht normalerweise nicht voll geladen, oder was? Da hätte man sich doch mehr einfallen lassen können. Vielleicht aber auch ein Zeichen, wie wenig man damit und der Digitalisierung Erfahrung hat.

5) Das Compliance Car

Der letzte und fünfte Punkt erklärt, warum der Mercedes EQC kein Tesla-Killer sein wird, und warum Mercedes da so lustlos rangeht. Professor Dieter Teufel vom Umwelt- und Prognose-Institut Heidelberg legt klar da, warum deutsche Autobauer Elektroautos brauchen. Nämlich um Strafzahlungen für die immer größeren und schwereren SUVs zu vermeiden, da diese entsprechend mehr Kohlendioxid emittieren. Elektroautos drücken den Flottenverbrauch, und erlauben so mehr Verbrennungskraftfahrzeuge zu verkaufen.

Der Mercedes EQC ist ein Compliance Car. Man baut es, um gesetzliche Regulierungen zu erfüllen, nicht weil man Elektroautos mag. Der EQC ist das ungeliebte Stiefkind. Man glaubt nicht daran, man ist dazu gezwungen es zu produzieren.

Da Mercedes bis 2021 sogar 10 verschiedene Elektroautos rausbringen will, und nicht mehr viel Zeit ist, das alles zu fixen, was beim EQC so vermasselt ist, bezweifle ich, dass wir da Fortschrittliches sehen werden. Ich wäre nicht überrascht, wenn der EQC sich so schlecht verkauft, dass die ganze Planung der nächsten Fahrzeuge durcheinander gebracht wird, und man Elektrofahrzeuge firmenintern als Fehler betrachten wird, und noch unambitionierter vorgeht.

Warum glaube ich an einen schlechten Verkauf? Nun, Punkt 1), 2), 3) und 4), sowie ein zwar noch nicht offiziell genannter, aber mit €70.000 kolportierter und dank 1) bis 4) eigentlich unverschämter hoher Preis. Unterdessen schwimmen in der Bugwelle von Tesla nun auch andere (vor allem chinesische) Hersteller mit, mit vielversprechenden, innovativer aussehenden und lustvoller gemachten Autos in der Model S und EQC-Klasse. Und die Chinesen haben mehr Erfahrung, bessere Preise, und die dafür dann bessere Technologie.

Letztendlich schadet der Mercedes EQC Elektroautos unter Umständen mehr, als er nutzt.

Das Video von Prof. Teufels einstündigem Vortrag kann man hier sehen, und die Folien dazu gibt es hier.

Was ist BMW, Volkswagen & Co?

Audi und BMW stellen in den nächsten Tagen ihre Elektrofahrzeuge vor, und ich will optimistisch bleiben, dass der Audi e-tron und der BMW iX3 mich doch überraschen und all diese Mercedes EQC-Eigenschaften nicht haben. BMW hat mit dem i3 ja eigentlich ein höchst innovatives Elektroauto auf den Markt gebracht, wenn auch mit ziemlich brustschwachen Leistungsdaten. Der geteaserte iX3 lässt mich aber vermuten, dass wir so etwas wie den EQC sehen werden. Und Audi? Da sitzt der alte Chef im Knast, der VW-Dieselskandal ging offensichtlich von Audi aus, und man will mit dem e-tron Level 3 zeigen und hat mit der Produktion sogar bereits begonnen. Also sehr widersprüchliche Meldungen. Lassen wir uns überraschen und beurteilen wir das in ein paar Tagen wieder.

Eine letzte Frage, die sich mir stellt, und die ich mir schon Anfang des Jahres gestellt habe war: Hat Mercedes aufgegeben? Jeder kann sich diese Frage vermutlich selbst beantworten…

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

16 Kommentare

  1. Genau auf den Punkt! Mir fehlt noch der Seitenhieb auf das zerlegte Model X – wie könnte man bei Mercedes nach dem, was man daraus gelernt haben sollte, so ein Auto hinstellen?

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  2. Guter Beitrag, danke dafür. Nur eine Anmerkung: das Beispiel für den Sprachassistenten ist nicht so schlecht. Normalerweise lädt man tatsächlich nicht jede Nacht bis 100%, 80% sind meist ausreichend und deutlich schonender für den Akku. Nur vor langem Trips wird voll geladen (und anschließend möglichst bald losgefahren).

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    1. Fair enough! Ich hätte gerne ein besseres Beispiel gehabt, aber vielleicht geht das auch deshalb nicht, weil man noch nicht genug Erfahrung hat. Als Steve Jobs das iPhone vorgestellt hat, hat er auch nur die New York Times gelesen, Bilder angeschaut und telefoniert. Heute machen wir Twitter, Tinder, Maps, Facebook, Instagram, Elektroscooter freischalten und was weiß ich noch alles damit.

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  3. Hallo Mario, wie all Deine Bücher gut geschrieben und recherchiert. Als ich früher Fahrzeugtechnik studiert habe, haben wir im Bereich Unfalltechnik gelernt, dass man nicht nur die Insassen sondern auch die Gegner schützen soll. Wenn nun dieser mit Röhren versteifte 2.5 Tonnen Stahlkolos in einen Kleinwagen rauscht, möchte ich da nicht drin sitzen.
    Letztens hatte ich mit einem MB Verkaufsleiter einer großen Kette gesprochen, er meinte wenn einer 90 tausend Euro für ein Auto ausgibt will er auch viele Knöpfe und Schalter haben und nicht nur ein Display…

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    1. Dazu gibt’s ja Studien, die das bestätigen. SUV’s haben zu einem erhöhten Todesrisiko beim Unfallgegner geführt, je nach Geschwindigkeit liegt das bei 44% mehr Risiko.

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  4. Sehr gut geschrieben, die sind Tesla nicht nur 7 Jahre hinterher, sondern der Abstand sich noch vergrößert hat. Das Schlimmste ist, dass alle nicht genügend Batterien herkriegen werden und diese dann noch 3x mehr Kobalt enthalten, als beimTesla 3.

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    1. Da gebe ich Dir recht, aber ich beschreibe das als Zeichen, dass man an autonomes Fahren hier nicht denkt und das vielleicht schon andeutet.

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  5. Waymo ist ja im Gespräch mit EU-Herstellern… für eine Kooperation und das bringen der Autonomie auch für Museumsland. 3-5 Jahre könnten passen. Wobei hier wieder Bundestagswahlen sind. Die alten Partien werden einen Teufel tun Autonomie, Verbot von Verbrennern in den Mund nehmen, da dies den Individualisten von der ADF direkt in die Hände spielen würde.

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  6. Es ist ein schöner Wagen.
    Automatisiertes fahren, sind wir denn jetzt noch nicht mal mehr in der Lage unsere Autos selbst zu steuern? Kann sich einer ausmahlen was das bedeutet? Abstandshalter fahren, schon mal gemacht?

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    1. 3.500 Verkehrstote im Jahr in Deutschland, 375.000 Verletzte im Straßenverkehr. Die Fakten sagen „Nein, wir sind nicht in der Lage nicht.“

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  7. Danke für den Hinweis und den Link auf den Vortrag von Herrn Teufel. Wenn das stimmt, was er aufzählt und rechnet, dann macht das erste Elektroauto von Daimler vollkommen Sinn.
    Bleibt die Frage, welche und wie viele Skandale noch kommen müssen, bis diese absurden Regelungen und Förderungen eingestellt werden.

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  8. Wirklich gut geschriebener Beitrag und er trifft in allen Belangen ins Schwarze. Wenn man die Kreativität und den unternehmerischen Mut von Herstellern wie z.B. Byton (oder eben auch Tesla) mit Mercedes vergleicht, kann einem allerdings schon angst und bange werden. Wir sind bereits dabei, die Zeche für die Versäumnisse falsch gelenkter und politisch verhätschelter Industriepolitik zu bezahlen (tageweise Produktionsstops bei deutschen Herstellern, wobei BEVs, wenn überhaupt im Programm, oft Lieferzeiten von >12 Monaten haben) und diese Lawine bzw. Wende bricht gerade erst los. Wenn man die unternehmerische Kreativität weniger in Lobbyismus und Betrügereien gesteckt hätte … wir hätten die nächsten 100Jahre im Sack!

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